Der Nocebo-Effekt
Wie ein Gedanke fast einen Kollaps auslöste
Notaufnahme, irgendein Krankenhaus in den USA, Ende der 2000er Jahre. Ein 26-jähriger Mann wird eingeliefert, nachdem er sich nach einem Streit mit seiner Ex-Freundin impulsiv das Leben nehmen wollte. Er hatte 29 Kapseln geschluckt, den kompletten Rest seiner Medikation aus einer klinischen Studie zu einem neuen Antidepressivum.
Als die Ärzte ihn untersuchen, ist sein Zustand ernst. Er ist lethargisch, zittert, schwitzt, atmet viel zu schnell. Der Blutdruck liegt bei 80 zu 40, gefährlich niedrig, der Puls rast mit 110 Schlägen pro Minute. Über vier Stunden bekommt er sechs Liter Kochsalzlösung infundiert, damit sein Kreislauf nicht vollständig kollabiert. Selbst danach pendelt sein Blutdruck nur mühsam bei 100 zu 62 ein.
Dann betritt ein Arzt aus dem Studienteam das Zimmer und sagt ihm etwas, das seinen Zustand innerhalb von fünfzehn Minuten komplett umkehrt. Er habe zur Kontrollgruppe gehört. Die 29 Kapseln, die er geschluckt hatte, waren nur Placebos. Zuckerpillen, ganz ohne Wirkstoff. Fünfzehn Minuten später zeigt der Blutdruckmesser 126 zu 80, der Puls liegt bei 80. Normwerte.
Dieser Fall, dokumentiert in der Fachzeitschrift General Hospital Psychiatry, gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele für das, was in der Medizin "Nocebo-Effekt" genannt wird, das dunkle Spiegelbild des bekannteren "Placebo-Effekts". Beim Placebo-Effekt kann die bloße Erwartung, dass eine Behandlung wirkt, echte Linderung bringen, selbst wenn das Mittel keinerlei Wirkstoff enthält. Beim Nocebo-Effekt läuft derselbe Mechanismus in die andere Richtung. Die Erwartung, dass etwas schadet, kann reale, messbare Symptome auslösen, obwohl objektiv nichts Schädliches im Körper ist.
Der Fall aus der Notaufnahme ist dabei kein Einzelfall aus einer Randnotiz. In Medikamentenstudien berichten Teilnehmer, die ein wirkstofffreies Placebo bekommen, regelmäßig über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Muskelschmerzen, einfach weil sie vorher über mögliche Nebenwirkungen des echten Medikaments aufgeklärt wurden. In Studien zu Cholesterinsenkern etwa berichteten Teilnehmer in der Placebogruppe fast genauso häufig von Muskelschmerzen wie jene, die den echten Wirkstoff erhielten, allein durch das Wissen, dass genau diese Nebenwirkung möglich ist.
Interessant ist übrigens, dass manche Fachleute den Fall aus der Notaufnahme im Detail etwas anders lesen. Statt eines reinen Nocebo-Effekts könnte hier eine massive Panikreaktion die Symptome erklären, mit einer Hyperventilation, die den Kohlendioxidspiegel im Blut senkt, die Blutgefäße erweitert und so den Blutdruck fallen lässt, während das Herz kompensatorisch schneller schlägt. Das ändert am Kern der Geschichte aber nichts, es macht sie eher noch eindrücklicher. Ein einziger Gedanke, „ich habe mich vergiftet", reichte aus, um eine reale, fast lebensbedrohliche körperliche Kettenreaktion in Gang zu setzen. Und ein einziger neuer Gedanke, „es war gar kein Gift", reichte aus, sie in Minuten wieder aufzulösen.
Genau dieser Mechanismus lässt sich auch auf zwei sehr alltägliche Probleme übertragen. Tinnitus und Angstsymptome.
Ein Tinnitus selbst, das andauernde Pfeifen, Rauschen oder Klingeln im Ohr, hat fast immer eine reale neurologische Grundlage, oft entstanden durch geschädigte Haarzellen im Innenohr, die dem Gehirn fehlende Signale liefern. Das Gehirn füllt diese Lücke mit einem selbst erzeugten Ton. So weit ist daran nichts eingebildet. Was aber messbar und wiederholt in Studien gezeigt wurde: Wie laut, störend und allgegenwärtig dieser Ton empfunden wird, hängt stark davon ab, wie viel Aufmerksamkeit und wie viel Bedrohungswert das Gehirn ihm zuweist. Menschen, die ihren Tinnitus als Zeichen für einen drohenden Hörverlust oder eine ernste Erkrankung deuten, richten ihre Aufmerksamkeit unwillkürlich immer wieder darauf, und genau diese ständige Fokussierung verstärkt die wahrgenommene Lautstärke, oft weit über das hinaus, was rein akustisch messbar wäre. Menschen dagegen, die lernen, den Ton als bedeutungsloses Hintergrundgeräusch einzuordnen, berichten bei objektiv gleichem Befund über deutlich weniger Leidensdruck.
Bei Angstsymptomen läuft es fast identisch. Ein leicht erhöhter Puls nach dem Treppensteigen ist harmlos, solange niemand ihn bemerkt. Wird er aber als „das könnte ein Herzinfarkt sein" gedeutet, schüttet der Körper Stresshormone aus, der Puls steigt tatsächlich weiter, die Atmung wird flacher und schneller, und schon ist die Angst vor der Angst ein sich selbst verstärkender Kreislauf, fast wie eine Miniversion dessen, was in der Notaufnahme geschah. Der Körper reagiert nicht auf das, was objektiv passiert, sondern auf das, was das Gehirn glaubt, dass gerade passiert.
Genau deshalb ist die Umlenkung der Aufmerksamkeit keine oberflächliche Ablenkungstechnik, sondern greift direkt an der Wurzel des Problems an. Wenn Bedeutung und Aufmerksamkeit ein reales Symptom verstärken oder überhaupt erst zum Problem machen können, dann kann eine veränderte Bedeutung und eine veränderte Aufmerksamkeitsrichtung dasselbe Symptom auch wieder kleiner machen. Das ist keine Einbildung gegen Einbildung, sondern derselbe neurologische Mechanismus, nur in die hilfreiche Richtung gelenkt.
Hypnose setzt genau hier an. Bei einer Angststörung ist es oft ein einzelnes Körpersignal, ein Herzstolpern, ein Kloß im Hals, ein flaues Gefühl im Bauch, das zum Auslöser einer ganzen Kaskade wird, einfach weil es als Vorbote von etwas Gefährlichem gedeutet wird. In Trance lässt sich genau diese Bedeutung verändern, ebenso wie die automatische Aufmerksamkeitslenkung, die sofort auf das Signal springt und es dadurch verstärkt. Das Herzstolpern verschwindet dabei nicht immer vollständig, aber es verliert seinen Alarmcharakter und rutscht dorthin, wo auch ein Muskelzucken im Augenlid wohnt. Nämlich irgendwo im Hintergrund, ohne die Macht, den ganzen Tag zu bestimmen.
Was der junge Mann in der Notaufnahme in fünfzehn Minuten am eigenen Körper erlebt hat, lässt sich mit den richtigen Werkzeugen auch gezielt und dauerhaft nutzen, nur eben in die Richtung, die guttut.
In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.









