Choking Under Pressure

Richard Petersen • 4. September 2026

Wenn das Können im entscheidenden Moment verschwindet

Carnoustie, Schottland, 18. Juli 1999. Jean van de Velde steht am Abschlag des letzten Lochs beim British Open Golfturnier. Er führt mit drei Schlägen Vorsprung. Ein Doppelbogey würde für den Sieg reichen, ein Ergebnis, das selbst ein vorsichtiger Amateur locker hinbekommen hätte.

Was in den folgenden zwanzig Minuten passiert, gilt bis heute als einer der spektakulärsten Zusammenbrüche der Sportgeschichte. Van de Velde greift zum Driver. Der Abschlag geht weit nach rechts, weg von der Ideallinie, aber noch spielbar. Der zweite Schlag ist der Anfang vom Ende. Der Ball trifft eine Stahltribüne und prallt zurück ins tiefe Rough, statt Richtung Grün zu fliegen. Aus dieser aussichtslosen Lage versucht er trotzdem, den Bach vor dem Grün, mit einem Schlag zu überqueren. Aber der Ball fliegt nicht drüber. Er versinkt im Wasser. Dann folgt das Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis des Golfsports eingebrannt hat. Van de Velde krempelt die Hose hoch, steigt in Schuhen und Socken in den Bach und steht minutenlang knietief im Wasser, während er überlegt, ob er den Ball einfach aus dem Wasser heraus spielen soll. Am Ende entscheidet er sich dagegen, nimmt den Strafschlag, droppt neu und landet mit dem nächsten Schlag im Bunker. Von dort spielt er sich mühsam auf das Grün und locht für ein Triple Bogey, eine Sieben auf einem Loch, das er mit einer glatten Sechs gewonnen hätte. Im Stechen gegen Paul Lawrie verliert er das Turnier, das er eigentlich schon gewonnen hatte.

Fünf Jahre zuvor war Roberto Baggio in eine ganz ähnliche Falle getappt, nur auf einem anderen Kontinent und in einer anderen Sportart. Beim Fußball WM-Finale 1994 zwischen Italien und Brasilien stand nach 120 torlosen Minuten das Elfmeterschießen an. Baggio war im Jahr zuvor zum Weltfußballer des Jahres gekürt worden und hatte Italien mit mehreren entscheidenden Toren überhaupt erst ins Finale geschossen. Als letzter italienischer Schütze trat er zum entscheidenden Elfmeter an und schoss den Ball weit über die Latte. Brasilien wurde Weltmeister, und das Bild von Baggio, der mit hängenden Schultern und leerem Blick auf dem Platz steht, ging um die Welt.

Beide Männer waren keine Anfänger. Van de Velde spielte seit Jahren auf Profiniveau, Baggio hatte in seiner Karriere etliche Elfmeter verwandelt. Gerade das macht die beiden Geschichten so aufschlussreich, auch für alle, die selbst weder Golf spielen noch je vor einem WM-Publikum standen. Es geht nicht um fehlendes Können. Es geht um die Frage, warum ausgerechnet in dem Moment, in dem am meisten auf dem Spiel steht, das Können, das längst im Körper gespeichert ist, plötzlich nicht mehr abrufbar ist.

Die Sportpsychologin Sian Beilock hat genau dieses Phänomen über Jahre erforscht, vor allem am Beispiel von Golfern und ihrem Putt. Ihre Erklärung heißt „explicit monitoring theory" und beschreibt einen einfachen, aber unbequemen Mechanismus. Gut trainierte Bewegungsabläufe laufen normalerweise automatisch ab, gesteuert von Hirnregionen, die keine bewusste Kontrolle brauchen. Ein erfahrener Golfer denkt beim Putten nicht mehr über die Handhaltung nach, genauso wenig wie ein geübter Autofahrer beim Schalten nachdenkt.

Unter Druck kippt genau dieser Vorteil ins Gegenteil. Die Angst vor dem Versagen lenkt die Aufmerksamkeit nach innen, auf die einzelnen Bestandteile der Bewegung, die eigentlich dem Autopiloten überlassen werden sollten. In Beilocks Experimenten reichte es, erfahrene Sportler dazu zu bringen, bewusst auf ihre Handbewegung beim Putten zu achten, um ihre Trefferquote spürbar zu verschlechtern, während dieselbe Anweisung bei Anfängern kaum etwas veränderte. Der Grund liegt darin, dass Anfänger ohnehin noch mit bewusster Kontrolle arbeiten, für sie ist Nachdenken Teil des Prozesses. Bei Experten sabotiert genau dieses Nachdenken die über Jahre aufgebaute Automatik.

Was bei Baggio in diesem einen Moment genau passiert ist, lässt sich im Nachhinein nicht mehr messen, aber die Forschung zu Elfmeterschießen zeigt ein sehr ähnliches Muster. Der Sportpsychologe Geir Jordet hat tausende Elfmeter bei internationalen Turnieren ausgewertet und dabei unter anderem herausgefunden, dass selbst Ausnahmespieler wie Lionel Messi unter dem Druck eines Turniers keine nennenswert höhere Erfolgsquote haben als der Durchschnitt. Auch beim Timing zeigt sich ein verwandter Effekt. Wer vor dem Antreten spürbar zu lange zögert, trifft deutlich seltener, ein Hinweis darauf, dass zu viel bewusstes Nachdenken über den bevorstehenden Schuss genau die Automatik stört, die eigentlich übernehmen sollte.

Bei rein kognitiven Aufgaben, etwa Kopfrechnen unter Zeitdruck oder dem Abrufen von gelerntem Wissen in einer Prüfung, wirkt ein verwandter, aber etwas anderer Mechanismus. Hier blockiert nicht zu viel bewusste Kontrolle die Leistung, sondern Sorgen und Grübeln besetzen das Arbeitsgedächtnis, genau die mentale Kapazität, die für den eigentlichen Denkprozess gebraucht würde. Der Effekt fühlt sich für Betroffene ähnlich an wie bei van de Velde im Wasser oder bei Baggio auf dem Weg zum Elfmeterpunkt. Das Wissen ist da, es lässt sich nur im entscheidenden Moment nicht greifen.

Diese Mechanik kennt so gut wie jeder, der schon einmal in einer Prüfung saß und im Kopf leer war, obwohl der Stoff am Abend zuvor noch sicher saß. Oder wer in einem wichtigen Gespräch plötzlich stockt, obwohl die Argumente eine Minute vorher noch glasklar waren. Die Parallele zu van de Velde und Baggio ist kein Zufall. Je höher der gefühlte Einsatz, desto eher schaltet das Gehirn von entspannter Automatik auf angestrengte Selbstüberwachung um, und ausgerechnet dieser Umschaltmoment kostet die Leistung, die eigentlich vorhanden wäre.

Das Fatale daran ist der Teufelskreis. Wer einmal in einer Prüfung oder einem wichtigen Moment blockiert war, nimmt eine zusätzliche Angst mit in die nächste vergleichbare Situation. Es ist die Angst vor der Angst selbst, und schon diese Erwartung erhöht die Wahrscheinlichkeit für erneutes Blockieren, weil sie die innere Aufmerksamkeit noch früher und noch stärker auf die eigene Leistung statt auf die Aufgabe lenkt.

Genau an diesem Punkt setzt Hypnose an. Es geht nicht darum, mehr Wissen oder mehr Fertigkeit aufzubauen, davon ist bei den meisten Klienten längst genug vorhanden, sondern darum, dem Nervensystem in der Prüfungs- oder Drucksituation wieder zu erlauben, in den automatischen Modus zurückzukehren, statt sich selbst bei jedem Schritt zu beobachten. In Trance lässt sich genau dieser Zustand trainieren und im Körper verankern. Der entscheidende Moment fühlt sich dann eher an wie ein gewohnter Ablauf als wie eine Prüfung vor Publikum.

Van de Velde hat den Moment am Barry Burn übrigens nie zu einem Trauma gemacht. Auf die Frage, ob ihn dieser eine Nachmittag bis heute verfolgt, hat er Jahre später schlicht geantwortet, dass es ihn nie geplagt habe. Auch Baggio spielte nach 1994 noch zehn Jahre auf höchstem Niveau, war 1998 erneut bei einer WM dabei und beendete seine Karriere erst 2004. Beide haben offenbar verstanden, dass an diesem einen Tag nicht ihr Können versagt hat, sondern der Teil ihres Gehirns, der zur falschen Zeit zu viel mitreden wollte.


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

von Richard Petersen 28. August 2026
Ein Placebo brachte einen Mann fast in den Kreislaufkollaps. Der Nocebo-Effekt zeigt, wie Erwartung echte Symptome erzeugt, bei Angst und Tinnitus.
von Richard Petersen 21. August 2026
Warum fühlen wir uns nach dem Urlaub manchmal müde, unmotiviert oder traurig? Erfahre, was hinter dem Post-Holiday-Syndrom steckt.
von Richard Petersen 15. August 2026
Warum übersehen fast die Hälfte der Menschen einen Gorilla direkt vor ihren Augen? Das berühmte Experiment zeigt die Grenzen unserer Aufmerksamkeit.
von Richard Petersen 9. August 2026
Warum quälen uns alte Fehler oft noch Jahre später? Erfahre, weshalb Selbstvergebung so schwerfällt und wie Frieden mit der Vergangenheit gelingen kann.
von Richard Petersen 31. Juli 2026
Warum sehen manche Menschen Dinge, die nicht da sind? Das Charles-Bonnet-Syndrom erklärt, wie das Gehirn trotz Sehverlust Bilder erzeugen kann.
von Richard Petersen 24. Juli 2026
Was ist das Locked-in-Syndrom? Erfahre, warum Betroffene bei vollem Bewusstsein im eigenen Körper gefangen sind und was die Forschung heute weiß.
von Richard Petersen 18. Juli 2026
Cotard-Syndrom einfach erklärt. Warum Menschen glauben, bereits tot zu sein, und was dieses seltene Phänomen über unser Gehirn verrät.
von Richard Petersen 10. Juli 2026
Kann ein Mensch seinen eigenen Partner plötzlich für einen Doppelgänger halten? Entdecken Sie die faszinierende Welt des Capgras-Syndroms und die erstaunlichen Fähigkeiten unseres Gehirns.
von Richard Petersen 3. Juli 2026
Kann ein Mensch einfach verschwinden und sein bisheriges Leben vergessen? Die dissoziative Fugue gehört zu den faszinierendsten psychologischen Phänomenen überhaupt.
von Richard Petersen 26. Juni 2026
Oliver Sacks' berühmte Patienten wie Dr. P. und Jimmie G. zeigen eindrucksvoll, wie das Gehirn unsere Wahrnehmung, Erinnerungen und unser Selbstbild prägt.