"Second Victim Phenomenom"

Richard Petersen • 20. Februar 2026

Wenn Helfende selbst traumatisiert werden

Manchmal verändert ein einziger Moment alles. Eine Situation, die im beruflichen Alltag eigentlich beherrschbar schien, gerät außer Kontrolle. Trotz größter Sorgfalt tritt ein unerwarteter Verlauf ein, ein Mensch kommt zu Schaden oder stirbt. Für Außenstehende ist das Ereignis schnell abgeschlossen. Für die beteiligte Fachperson beginnt oft erst danach eine Zeit voller Zweifel, Schuldgefühle und schlafloser Nächte. Gedanken kreisen unaufhörlich um das, was passiert ist, und um die quälende Frage, ob man es hätte verhindern können. Viele funktionieren weiter, lächeln, arbeiten, übernehmen Verantwortung, und zerbrechen innerlich fast daran. Kaum jemand sieht diese zweite, unsichtbare Wunde. Dieses stille Leiden hat einen Namen. Das "Second Victim Phenomenom".


Was das  "Second Victim Phenomenom" bedeutet

Der Begriff beschreibt Menschen, die nach einem belastenden Ereignis im beruflichen Kontext selbst tief erschüttert sind. Ursprünglich wurde er im Gesundheitswesen geprägt, doch heute weiß man, dass auch viele andere Berufsgruppen betroffen sein können. Überall dort, wo Verantwortung für andere Menschen getragen wird.

Während Patienten oder Betroffene als erste Opfer gelten, werden die beteiligten Fachpersonen zu „zweiten Opfern“, weil sie emotional und psychisch stark unter dem Ereignis leiden. Dabei muss kein tatsächlicher Fehler vorliegen. Schon ein unerwarteter Verlauf, ein Unfall, eine Eskalation oder die bloße Möglichkeit, Schaden verursacht zu haben, kann ausreichen. Entscheidend ist nicht die objektive Schuldfrage, sondern das subjektive Erleben.


Die Geschichte des Begriffs "Second Victim Phenomenom"

Geprägt wurde der Begriff Anfang der 2000er-Jahre vom US-amerikanischen Patientensicherheitsforscher Albert W. Wu. In einem wissenschaftlichen Beitrag machte er darauf aufmerksam, dass nach medizinischen Zwischenfällen nicht nur Patientinnen und Patienten leiden, sondern auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte selbst stark belastet sein können.

Ursprünglich bezog sich das Konzept daher vor allem auf Medizinerinnen und Mediziner. Mit zunehmender Forschung zeigte sich jedoch, dass die Auswirkungen weit darüber hinausgehen. Pflegekräfte, Hebammen, Rettungsdienstpersonal, Therapeuten, medizinisch-technische Fachkräfte und Auszubildende können ebenso betroffen sein. Auch indirekt Beteiligte, etwa Teammitglieder oder organisatorisch Verantwortliche, erleben mitunter starke emotionale Reaktionen.

Heute wird der Begriff häufig auf alle Menschen angewendet, die nach einem kritischen Ereignis im beruflichen Kontext psychisch leiden. Zusätzlich wird manchmal von einem „Third Victim“ gesprochen, womit die betroffene Organisation gemeint ist, die durch Vertrauensverlust, interne Spannungen oder juristische Folgen ebenfalls Schaden nehmen kann.


Warum auch ohne Fehler schwere Belastungen entstehen können

Menschen in verantwortungsvollen Berufen haben meist hohe innere Standards. Sie wollen schützen, helfen, Schaden vermeiden. Wenn dennoch etwas Schlimmes geschieht, kollidiert das Ereignis mit dem eigenen Selbstbild.

Das Gehirn versucht verzweifelt, eine Erklärung zu finden. Es sucht nach dem Punkt, an dem man hätte anders handeln können, selbst wenn objektiv keine Alternative bestand. Dieses Grübeln dient eigentlich dazu, Kontrolle zurückzugewinnen, verstärkt aber häufig die Belastung.

Hinzu kommt die Angst vor Bewertung durch andere. Viele Betroffene fürchten, als inkompetent wahrgenommen zu werden oder berufliche Konsequenzen zu erleiden. Deshalb behalten sie ihre Gedanken für sich. Und genau das hält den inneren Stress aufrecht.


Typische psychische und körperliche Reaktionen

Nach einem belastenden Ereignis berichten viele Betroffene von intensiven Schuldgefühlen, Scham und Selbstzweifeln. Gedanken kreisen unaufhörlich um das Geschehen, häufig verbunden mit der Frage, ob man versagt hat. Das Vertrauen in die eigene Kompetenz kann stark erschüttert sein.

Auch körperlich zeigt sich die Belastung deutlich. Schlafstörungen, innere Unruhe, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme sind häufig. Manche reagieren mit emotionaler Taubheit, andere mit erhöhter Reizbarkeit oder Rückzug. In schweren Fällen entwickeln sich Symptome, die einer posttraumatischen Belastungsreaktion ähneln.

Diese Reaktionen sind keine Schwäche, sondern normale Antworten des Nervensystems auf außergewöhnlichen Stress.


Warum viele Betroffene schweigen

Trotz der intensiven Belastung sprechen viele Menschen nicht darüber. In leistungsorientierten Arbeitsumfeldern herrscht oft die Erwartung, stark und fehlerfrei zu sein. Emotionale Reaktionen werden als unprofessionell interpretiert oder als persönliches Versagen erlebt. Hinzu kommt Scham. Wer sich selbst als verantwortlich empfindet, hat häufig das Gefühl, kein Recht auf Unterstützung zu haben. Manche isolieren sich bewusst, um niemanden zu belasten oder keine Aufmerksamkeit auf das Ereignis zu lenken.

Doch Schweigen verstärkt die innere Verarbeitungsschleife. Ohne Austausch bleibt das Erlebnis unverarbeitet und kann langfristig zu chronischem Stress, Burnout oder depressiven Symptomen führen.


Folgen für Beruf, Gesundheit und Privatleben

Unverarbeitete Belastungen wirken sich nicht nur auf das emotionale Wohlbefinden aus. Viele Betroffene verlieren Vertrauen in ihre Entscheidungen oder entwickeln übermäßige Vorsicht. Andere ziehen sich emotional zurück, was Beziehungen zu Kollegen, Familie oder Partnern belasten kann.

Manche denken darüber nach, den Beruf zu wechseln, obwohl sie ihn zuvor mit Leidenschaft ausgeübt haben. Auch körperliche Beschwerden können zunehmen, weil der Organismus dauerhaft im Stressmodus bleibt.

Das Second Victim Phänomen betrifft daher nicht nur die Arbeit, sondern das gesamte Leben.


Wege aus der inneren Belastung

So überwältigend die Situation erscheinen mag, viele Menschen finden ihren Weg zurück zu Stabilität und Selbstvertrauen. Ein entscheidender Schritt ist, das Erlebte nicht länger allein tragen zu müssen.

Gespräche mit vertrauenswürdigen Personen können helfen, Gedanken zu ordnen und die Perspektive zu erweitern. Professionelle Unterstützung ermöglicht darüber hinaus, belastende Erinnerungen zu verarbeiten und Selbstvorwürfe zu relativieren. Ziel ist nicht, das Ereignis zu vergessen, sondern es so zu integrieren, dass es nicht mehr das gesamte Leben bestimmt. Methoden, die Körper und Nervensystem einbeziehen, können besonders hilfreich sein, weil traumatische Stressreaktionen nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich gespeichert sind.


Warum auch Angehörige und Umfeld betroffen sind

Wenn ein Mensch innerlich stark belastet ist, spüren das meist auch Partner, Familie oder enge Freunde. Rückzug, Reizbarkeit oder Erschöpfung können Beziehungen verändern und zusätzliche Konflikte auslösen. Gleichzeitig fällt es Außenstehenden oft schwer zu verstehen, warum das Ereignis noch so präsent ist.

Offene Kommunikation und Verständnis auf beiden Seiten können helfen, diese Phase gemeinsam zu bewältigen.


Hilfe finden und wieder Vertrauen aufbauen

Viele Betroffene zögern, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, weil sie glauben, es allein schaffen zu müssen. Doch gerade Menschen, die beruflich für andere da sind, profitieren davon, selbst einen geschützten Raum zu haben.

Mit der Zeit kann es gelingen, die eigene Kompetenz wiederzuentdecken, Selbstvertrauen aufzubauen und sogar gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Das Erlebnis verliert seinen bedrohlichen Charakter und wird zu einem Teil der eigenen Geschichte, ohne das Leben zu dominieren.


Wenn du dich in diesem Thema wiedererkennst

Vielleicht trägst du seit einem belastenden Ereignis Gefühle mit dir, über die du kaum sprechen kannst. Vielleicht sind da Schuld, Angst oder das Gefühl, nicht mehr derselbe Mensch zu sein wie zuvor. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

Professionelle Begleitung kann helfen, das Erlebte zu verarbeiten, innere Ruhe zurückzugewinnen und wieder handlungsfähig zu werden. Ein erster Schritt besteht darin, sich Unterstützung zu erlauben.

Denn auch Menschen, die anderen helfen, dürfen selbst Hilfe annehmen.


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

von Richard Petersen 13. Februar 2026
Nahtoderfahrungen verständlich erklärt: Zwischen spiritueller Deutung und neurowissenschaftlicher Forschung. Mit berühmten Beispielen und Einordnung.
von Richard Petersen 6. Februar 2026
Rückführungen in frühere Leben faszinieren viele Menschen. Der Artikel erklärt typische Erfahrungen unter Hypnose, häufige historische Motive und ordnet sie wissenschaftlich sowie therapeutisch ein.
von Richard Petersen 30. Januar 2026
Urbane Legenden faszinieren uns, obwohl sie meist nicht wahr sind. Erfahre, wie Emotionen & Wahrnehmung moderne Mythen in unser Denken bringen.
von Richard Petersen 23. Januar 2026
Was ist Digital Detox und wie wirkt es wirklich? Erfahre, wie bewusste Pausen vom Smartphone dein Nervensystem spürbar entlasten.
von Richard Petersen 15. Januar 2026
Warum Schmerz ein notwendiger Weg zur Heilung ist
von Richard Petersen 9. Januar 2026
Wenn Aufmerksamkeit zum Lebenselixier wird 
von Richard Petersen 2. Januar 2026
Damit neue Vorsätze endlich gelingen
von Richard Petersen 23. Dezember 2025
Die stillen Schattenseiten von Weihnachten 
von Richard Petersen 19. Dezember 2025
Wie ein Fest unzählige Gesichter trägt
von Richard Petersen 12. Dezember 2025
Die stille Angst, etwas zu verpassen