Würdest du ein Vampir werden?

Richard Petersen • 27. Februar 2026

Das Vampir-Gedankenexperiment: Wie wir Lebensentscheidungen treffen

Es ist Nacht. Du gehst allein nach Hause. Die Straßen sind leer, die Luft kühl. Plötzlich tritt jemand aus dem Schatten. Blass. Ruhig. Unheimlich gelassen. Er sagt, er könne dir Unsterblichkeit schenken. Keine Krankheiten mehr. Keine Angst vor dem Altern. Übermenschliche Kraft. Ewige Zeit. Dann fügt er hinzu: "Du müsstest ein Vampir werden. Blut trinken. Dein menschliches Leben hinter dir lassen. Nie wieder zurück". Du lachst vielleicht. Bis du merkst, dass er es ernst meint. Und dann stellt sich eine viel unangenehmere Frage Wie solltest du das entscheiden?

Genau dieses Szenario nutzt die Philosophin L. A. Paul in ihrem Buch „Transformative Experience“, um ein Problem zu zeigen, das uns alle betrifft. Nicht nur in Horrorfilmen, sondern mitten im echten Leben. Der Vampir sagt vielleicht: „Es ist fantastisch. Du wirst es lieben.“ Aber natürlich würde ein Mensch das bezweifeln. Blut trinken? Menschen jagen? Für immer in der Nacht leben? Das klingt eher nach Albtraum als nach Traum.

Und hier steckt die Falle. Solange du ein Mensch bist, kannst du nicht wissen, wie es sich anfühlt, ein Vampir zu sein. Nicht wirklich. Keine Beschreibung, kein Film, kein Bericht kann dir dieses Erleben vermitteln. Und wenn du es herausfindest, bist du bereits keiner mehr, der die Entscheidung treffen kann. Du wärst bereits jemand anderes geworden.

Vielleicht denkst du: „Na gut, dann probiere ich es eben.“ Doch genau das ist der Punkt. Es ist kein Urlaub, den man abbrechen kann. Es ist eine Verwandlung. Als Vampir würdest du Blut nicht mehr abstoßend finden. Du würdest es brauchen. Vielleicht sogar genießen. Dinge, die dir heute wichtig sind, könnten bedeutungslos werden. Menschen, die du liebst, würden altern und sterben, während du bleibst. Deine Wünsche. Deine Werte. Dein Blick auf die Welt. Alles könnte sich verschieben. Du würdest nicht nur ein anderes Leben führen. Du wärst eine andere Person.

Das klingt wie Fantasy, bis man merkt, wie vertraut dieses Muster ist.

Denk an jemanden, der dir vor der Geburt seines ersten Kindes sagt: „Ich weiß nicht, ob ich dieses Leben will.“ Und denselben Menschen ein Jahr später: „Es ist das Beste, was mir je passiert ist.“

Beide Aussagen können vollkommen ehrlich sein. Was ist passiert? Hat sich die Realität geändert, oder der Mensch? Niemand kann dir vorher sagen, wie sich das Elternsein für dich persönlich anfühlen wird. Denn der zweite Satz stammt von einem Menschen, der durch die Erfahrung selbst verändert wurde.

Oder stell dir vor, du ziehst in ein fremdes Land, verlässt einen sicheren Job für eine Berufung, gehst aus einer langen Beziehung, obwohl du nicht weißt, ob danach etwas Besseres kommt. In solchen Momenten stehst du genau vor derselben Frage wie vor dem Vampir: „Werde ich es mögen — oder werde ich jemand, der es mag“?

Infobox: Der Satz beschreibt den Unterschied zwischen „mir gefällt etwas“ und „ich werde zu einem Menschen, dem es gefällt“. Oder einfach gesagt: Manchmal passt sich das Leben an dich an. Manchmal passt du dich an das Leben an, und wirst dadurch jemand Neues. Du entscheidest nicht nur über dein Leben, sondern über dein zukünftiges Ich. Und hier liegt die radikale Einsicht. Bei manchen Entscheidungen wählst du nicht zwischen Optionen. Du wählst zwischen möglichen Versionen deiner selbst.


Warum dir niemand die Entscheidung abnehmen kann

Freunde geben Ratschläge. Familie warnt oder ermutigt. Bücher liefern Pro-und-Contra-Listen. Vielleicht machst du sogar eine Excel-Tabelle. Doch all das hat eine Grenze. Denn niemand kann dir sagen, wie es sich für dich anfühlen wird. Selbst Menschen, die dieselbe Entscheidung getroffen haben, berichten oft völlig Gegensätzliches. Ein und dieselbe Erfahrung kann für den einen Erfüllung, für den anderen Überforderung sein. Und das liegt nicht daran, dass einer recht hat und der andere nicht. Sondern daran, dass beide nach der Erfahrung nicht mehr dieselben Menschen sind wie davor.

Hier liegt die vielleicht unbequemste Erkenntnis dieses Gedankenexperiments. Bei manchen Entscheidungen wählst du nicht zwischen Optionen, du wählst zwischen möglichen zukünftigen Versionen deiner selbst.  Das fühlt sich unsicher an, weil es keine Garantie gibt. Kein Testlauf. Kein Zurück-Button. Aber vielleicht erklärt es auch, warum große Entscheidungen sich oft weniger wie Rechnen und mehr wie ein Sprung anfühlen. Wenn du lange auf absolute Sicherheit wartest, wirst du sie wahrscheinlich trotzdem nie bekommen. Nicht bei den Dingen, die wirklich zählen.

Menschen bekommen Kinder, ziehen um, gründen Unternehmen oder verlieben sich erneut nach Enttäuschungen. Nicht weil sie inzwischen alles wissen, sondern weil sie bereit sind, sich verändern zu lassen. Neugier, Hoffnung und Vertrauen in die eigene Anpassungsfähigkeit sind oft die eigentlichen Entscheidungsgründe. Nicht Gewissheit.

Das "Vampir-Problem" zeigt nicht nur ein Dilemma, es nimmt auch Druck. Das liegt daran, dass manche Entscheidungen prinzipiell nicht vollständig durchdacht werden können. Sie müssen erlebt werden.

Übrigens akzeptieren nicht alle Pauls Schlussfolgerungen. Einige halten das "Vampir-Problem" für überzogen. Kritiker meinen, dass Paul die Unsicherheit radikalisiert, um einen philosophischen Punkt zu machen, während Menschen im Alltag erstaunlich gut mit genau dieser Unsicherheit umgehen. Man müsse nicht wissen, wie sich etwas exakt anfühlt, um vernünftig zu entscheiden. Andere sagen, dass wir uns auch ohne dramatische Ereignisse sowieso ständig verändern. Und wieder andere betonen, dass wir ja nicht völlig ahnungslos sind. Auch wenn du kein Elternteil bist, hast du Erfahrungen mit Liebe, Verantwortung oder Erschöpfung. Das zukünftige Leben ist nicht komplett fremd, sondern baut auf etwas Bekanntem auf.


Am Ende bleibt eine einzige ehrliche Frage

Bin ich bereit, mich von dieser Erfahrung verändern zu lassen? Wenn die Antwort ja ist, dann hast du vielleicht genug, um den Schritt zu wagen. Auch ohne zu wissen, ob du ihn später lieben wirst.


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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