Ehrlicher als der Spiegel
Was eine Gummihand über unser Körperbild verrät
Eine Versuchsperson sitzt an einem Tisch, der rechte Arm liegt entspannt auf der Tischplatte, aber verdeckt von einem kleinen Sichtschirm. Direkt daneben, gut sichtbar, liegt eine lebensecht bemalte Gummihand, in etwa derselben Position, in der die echte Hand eigentlich liegen müsste. Ein Versuchsleiter beginnt, mit zwei weichen Pinseln gleichzeitig über die Gummihand und über die verdeckte echte Hand zu streichen, immer im selben Rhythmus, an denselben Stellen.
Nach ein paar Minuten passiert bei den meisten Menschen etwas Merkwürdiges. Sie berichten, den Pinselstrich nicht mehr an der eigenen, verdeckten Hand zu spüren, sondern an der Gummihand, die sie die ganze Zeit vor sich sehen. Manche Versuchspersonen greifen unwillkürlich nach der Gummihand, wenn sie danach gefragt werden, wo ihre Hand gerade liegt. Und wenn der Versuchsleiter in diesem Moment plötzlich mit einem Hammer auf die Gummihand einschlägt oder ein Messer darüber schwingt, zucken die meisten zusammen, manche reißen instinktiv den eigenen, echten Arm zurück, obwohl der nie in Gefahr war. Messungen der Hautleitfähigkeit zeigen in diesem Augenblick einen echten Stressanstieg, so, als würde der eigene Körper tatsächlich bedroht.
Dieses Experiment, erstmals 1998 von den Neurowissenschaftlern Matthew Botvinick und Jonathan Cohen beschrieben, ist als „Rubber Hand Illusion“ bekannt geworden und gehört zu den meistzitierten Versuchen der Wahrnehmungsforschung. Was es zeigt, klingt zunächst banal, ist aber bei genauerem Hinsehen ziemlich beunruhigend. Das Gefühl, welcher Körperteil zu einem gehört, ist keine feste Tatsache, sondern eine laufende Berechnung des Gehirns, die sich innerhalb weniger Minuten mit einem Stück bemaltem Latex täuschen lässt.
Normalerweise stimmen die Informationen aus drei Quellen perfekt überein, dem, was man sieht, dem, was man fühlt, und dem, was das eigene Gelenk- und Muskelgefühl über die Position des Körpers meldet. Das Gehirn verlässt sich auf dieses Zusammenspiel, ohne dass einem das je bewusst wird. Sobald aber Sehen und Fühlen in eine gemeinsame, aber falsche Richtung gelenkt werden, wie beim gleichzeitigen Bestreichen von Gummihand und echter Hand, gewichtet das Gehirn die visuelle Information stärker als die eigentlich zuverlässigere Information aus dem Körperinneren. Das Ergebnis ist keine bloße Verwirrung, sondern ein echtes, körperlich spürbares Zugehörigkeitsgefühl zu einem fremden Objekt.
Genau diese Erkenntnis lässt sich auf ein Thema übertragen, das mit einer Gummihand auf den ersten Blick wenig zu tun hat, nämlich das gestörte Körperbild bei Essstörungen. Wenn das Gehirn bereit ist, ein Stück Latex innerhalb weniger Minuten als eigenen Körperteil anzuerkennen, liegt die Frage nahe, wie stabil sein Bild vom Rest des eigenen Körpers eigentlich ist.
Forscherinnen um Emmeke Keizer haben genau das mit Frauen untersucht, die an Anorexia Nervosa erkrankt waren. Sie führten dieselbe Rubber-Hand-Illusion durch wie im klassischen Versuch und verglichen die Ergebnisse mit einer gesunden Kontrollgruppe. Die betroffenen Frauen berichteten ein deutlich stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Gummihand als die gesunden Vergleichspersonen. Ihr Gehirn ließ sich also leichter von der visuellen Täuschung überzeugen. Passend dazu hatten dieselben Frauen vor dem Versuch die Breite ihrer eigenen Hand deutlich überschätzt, während die gesunde Vergleichsgruppe sie richtig einschätzte.
Noch eindrücklicher zeigte sich das in einer Studie mit einer erweiterten Version des Experiments, der sogenannten Full Body Illusion. Frauen mit Anorexia Nervosa setzten dabei eine Virtual-Reality-Brille auf und sahen aus der Ich-Perspektive einen Avatar mit gesundem Körperumfang, während über ihren eigenen Bauch gleichzeitig mit einem Pinsel gestrichen wurde. Schon direkt nach dieser kurzen Übung schätzten die Teilnehmerinnen den Umfang ihrer Schultern, ihres Bauchs und ihrer Hüften deutlich realistischer ein als vorher, ein Effekt, der auch knapp drei Stunden später noch nachweisbar war.
Diese Studien treffen einen wichtigen Punkt, der weit über Anorexia Nervosa hinausreicht. Auch Menschen ohne diagnostizierte Essstörung tragen oft ein inneres Bild ihres Körpers mit sich herum, das mit dem, was im Spiegel oder auf Fotos zu sehen ist, kaum noch etwas zu tun hat, und aufgebaut ist über Jahre aus Vergleichen, Bewertungen und wiederholten kritischen Blicken. Wie die Rubber-Hand-Forschung zeigt, ist ein solches inneres Bild kein für immer fixiertes Foto, sondern ein Modell, das ständig neu berechnet wird und sich mit den richtigen Reizen tatsächlich verschieben lässt.
Und hier setzt Hypnose auf eine Weise an, die mit reinem Zureden oder rationalen Argumenten nur schwer zu erreichen ist. Wer jemandem mit gestörtem Körperbild erklärt, dass die eigene Wahrnehmung objektiv nicht stimmt, erreicht damit selten etwas. Das Wissen war meistens ohnehin schon vorhanden. In Trance dagegen lässt sich das innere Körperbild direkt ansprechen. Und zwar auf derselben Ebene, auf der es auch entstanden ist, nämlich als gefühlter Eindruck und nicht als abstrakter Gedanke. Genau wie eine Gummihand nach ein paar Minuten synchroner Berührung anfängt, sich wie die eigene Hand anzufühlen, lässt sich mit gezielter Trancearbeit ein realistischeres, freundlicheres Körpergefühl aufbauen. Schritt für Schritt, bis es sich nicht mehr wie eine Behauptung anfühlt, sondern wie die eigene Wahrheit.
Falls du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, in dem kritischen Blick in den Spiegel, in dem Gefühl, dass die eigenen Maße nie ganz stimmen, dann darfst du es als das nehmen, was die Forschung hier zeigt. Nämlich keinen persönlichen Makel, sondern die Arbeitsweise eines Gehirns, das sein Bild vom eigenen Körper genau wie bei der Gummihand aus Sinneseindrücken und Erfahrungen zusammensetzt. Ein Bild, das über Jahre in eine bestimmte Richtung gerutscht ist, lässt sich auch wieder in eine gütigere Richtung verschieben. Und diesen Weg musst du nicht allein gehen.
In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.









