Ich kann dich (nicht) riechen

Richard Petersen • 13. Oktober 2023

Die Macht der Körperchemie

Fünftes Rendezvous. Nach Latte Macchiato, Geplauder, Spaziergang am Wasser, Ausflug ins Grüne und Theaterbesuch nun ein Candle-Light-Dinner.

Eine Frau und ein Mann sind aneinander interessiert, aber es gibt eine Blockade zwischen ihnen. Der eine findet nicht in den Dunstkreis des anderen.

„Wie riechst du eigentlich?“, fragt er plötzlich, sein Gesicht direkt vor ihrem. „Und du?“, fragt sie zurück.

Das vomeronasale Organ, ein feines Rezeptorsystem für Körpersubstanzen, hält sie auf Distanz. Beide sind gepanzert mit fremden Düften, die ihren Eigengeruch gefangen halten. Zu viel Deo, Aftershave, Parfum.


Schon Goethe erging es so bei seinen endlosen Turteleien mit seiner Gönnerin und platonischen Geliebten, Charlotte von Stein in Weimar. Sie redeten und redeten, er schrieb ihr Hunderte Briefe. Bis seine Leidenschaft ihn zu Ungewöhnlichem trieb: Der Dichter stahl ein kurz zuvor noch von Frau von Stein getragenes Mieder. Endlich konnte er nach Lust und Laune ihren Körpergeruch wahrnehmen.

Selbst in seinem „Faust“ wurde die Tat verewigt, da bettelte der im Liebesrausch befindliche Mephisto: „Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust, ein Strumpfband ihrer Liebeslust!“


Die Chemie zwischen zwei Menschen muss stimmen, heißt es. Und das ist keine dahingesagte Floskel. Frau und Mann passen nur zusammen, wenn sie – im wahrsten Sinn des Wortes – einander riechen können.

Die richtige Körperchemie, der Eigengeruch, ist für die Liebe eine absolute Voraussetzung.

Wobei die für die Partnerwahl entscheidenden Duftstoffe eigentlich nur Abbauprodukte unseres Immunsystems sind.

Sie geben uns Aufschluss darüber, wie es um die Gesundheit des anderen steht, welche Krankheiten ihn belasten könnten und gegen welche er geschützt ist.

Haben die Partner unterschiedliche Immunsysteme, flattern sie los, die Schmetterlinge im Bauch. Das evolutionäre Programm greift.


Nach dem Candle-Light-Dinner gehen Frau und Mann ratlos auseinander. „Wir telefonieren dann“. Tage später treffen sie sich zufällig beim Joggen im Park, schwitzend, riechend. Sie umarmt ihn zur Begrüßung, hebt instinktiv die Arme, damit er ihren Achselgeruch wahrnehmen kann.

Evolutionär bedeutet es: Riech mich, nimm mich! Er legt seine nasse Stirn an ihre, die Nasen reiben sich. Das bedeutet: Jetzt kennen wir uns. Sofort ist Anziehung da, sexuelle Lust, endlich Haut an Haut. Zu Hause ist nicht weit, der Rest ist Phantasie.


350 Riechrezeptoren hat der Mensch. Es sind Duft-Detektoren, mit denen wir rund 10.000 Gerüche wahrnehmen, aber nur einige Dutzend unterscheiden können. Das Sehen dagegen kommt mit ganzen drei Rezeptoren aus.

Drei Prozent unseres gesamten Erbguts sind dem orientierenden Riechen und Wahrnehmen von Gerüchen verpflichtet. Kein anderes Sinnesorgan erhielt in unserem Gen-Raster so viel Platz, man nennt es auch den sechsten Sinn.


Das vomeronasale Organ verhilft im Liebesleben zum letzten Schritt, der sexuellen Vereinigung.

Womöglich ist mancher Mann auch ohne das Organ zum Sex zu verlocken, eine Frau nie!

Sie muss den Mann riechen können, mit dem sie ins Bett geht. Das gilt für Homosexuellen Menschen bei der Partnerverbindung genauso.

Das vomeronasale Organ sitzt übrigens im Gehirn, nicht in der Nase, Gerüche sickern direkt in den Kern der Gefühlszentrale. Beim Anschauen bleibt der andere äußerlich, erst durchs Riechen wird er einverleibt. Wen wir riechen können, den nehmen wir atmend, fühlend in uns auf. Der Duft dringt ins limbische System, den stammesgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns, dort wo die Triebe wohnen. Die Sinneswahrnehmung steigt ins fast Unerträgliche, Emotionen jagen durch den Körper.


Patrick Süskind hat in seinem Weltbestseller „Das Parfum“ beschrieben, mit welcher Urgewalt das geschieht. „Und mitten in sie hinein ging der Duft, direkt ans Herz, und unterschied dort kategorisch über Zuneigung und Verachtung, Ekel und Lust, Liebe und Hass.“


Die Riechforschung ist ein noch junger Zweig der Wissenschaft. 2004 bekamen die US-Amerikaner Linda Buck und Richard Axel den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Sie hatten in jahrelanger Arbeit den Bauplan von Riechrezeptoren ermittelt.

Ein Erbe unserer tierischen Vorfahren, deren Riechleistungen den unseren weit überlegen sind. Mäuse haben drei Mal mehr Riechrezeptoren, der Schäferhund 180 Millionen Riechzellen mehr als der Mensch. Dennoch sind auch wir Geruchstalente und lernen durch Erfahrung.


In einer Bremer Studie wurde festgestellt, dass vor allem die Altersgruppe der 41- bis 60-Jährigen sich in ihrem Liebesleben von Körpergerüchen leiten oder abschrecken lässt. In dieser Hinsicht sind wir wie die Tiere.

432 Menschen im Alter von 15 bis 82 Jahren füllten einst für dieselbe Studie einen Fragebogen aus. Ursprünglich waren mündliche Befragungen geplant, doch schon die ersten Gespräche zeigten, dass die Scheu bei dem Thema einfach zu groß ist.

Das Ergebnis der schriftlichen Befragung ist allerdings eindeutig: Ob es zwischen zwei Menschen zum Sex kommt, hängt entscheidend vom Körpergeruch ab.


Männer riechen anders als Frauen, und genau darin liegt der Reiz bei der Begegnung von Mann und Frau. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die schönsten Abendkleider ein großes Dekolleté aufweisen und die Achseln freihalten. In der Achselregion befinden sich – wie in der Lendenregion, aber auch auf der Kopfhaut – die meisten Duftdrüsen, wobei es sich beim weiblichen Achselgeruch um eine schweißig-saure Duftnote handelt, die von einem geringen Moschusanteil und Sandelholzduft begleitet wird.

Männlicher Schweißgeruch unter den Achseln ist stechender und schweißiger, er hat eine andere Richtung, beinhaltet aber ebenfalls Moschus- und Sandelholzteile. Diese Duftdrüsen sind aufs Innigste mit dem Stoffwechsel verbunden, üben eine anregende und erotisierende Wirkung aus und sind in allen Völkern und Kulturen ein natürliches Aphrodisiakum. Wenngleich in der westlichen Zivilisation immer mehr von fremden Duftnoten überlagert.

Das war nicht immer so.


Der französische Kaiser Napoleon forderte vor seiner Rückkehr von den Schlachtfeldern nach Paris seine heiß geliebte Josephine in Depeschen auf: „Wasche dich nicht, ich komme.“


Der menschliche Körpergeruch beinhaltet eine Fülle von Duftquellen, und jede Duftquelle hat zudem eine Fülle von Duftbestandteilen. Diese Grundgerüche sind zusätzlich vermischt mit den "Beigerüchen" von Kleidung, Essen und Wohnen. Das zusammen ergibt ein unverkennbar individuelles Gemisch.

Manche Teilnehmer der o. g. Studie gaben zu, ein vom Partner durchgeschwitztes T-Shirt oder benutzte Unterwäsche erbeten oder „erbeutet“ zu haben. Für viele ist das ein reizvoller Teil ihres Liebeslebens, vor allem wenn der Partner fern ist.

Menschen in einer Partnerschaft riechen übrigens anders. Dass Sex zu einer anderen Duftausstrahlung des Körpers führt, daran gibt es keinen Zweifel. Erstens wird der Stoffwechsel durch die sexuelle Stimulation angeregt, wodurch eine vermehrte und anders zusammengesetzte Schweißausschüttung zustande kommt. Zweitens verändert sich der Intimgeruch durch eine vermehrte Sekretausschüttung und den Sekretaustausch erheblich. Und drittens findet eine Duftübertragung statt.


Liebende vereinen sich durch Geruchsübernahme, im gemeinsam geschaffenen Dunstkreis, was Dichter seit Jahrhunderten gern als „Band der Liebe“ poetisieren.

Quelle: Welt-online



Vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße

Richard


P. S. Für die bessere Lesbarkeit habe ich die maskuline Schreibweise verwendet. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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