Acht flogen über das Kuckucksnest

Richard Petersen • 15. November 2024

"On Being Sane in Insane Places"

Wie lange wird ein Gesunder in einer psychiatrischen Klinik behalten? David Rosenhan hat es 1968 ausprobiert.

Die Ergebnisse des legendären "Rosenhan-Experiments" revolutionierten das psychiatrische Gesundheitswesen der USA und in der Folge auch in der restlichen Welt, wie kaum ein anderes Experiment davor oder danach.


Nur hat dieses Experiment (so) vermutlich nie stattgefunden!


Aber der Reihe nach.

Nicht nur ihre Heilmethoden, sondern auch die psychiatrischen Krankheitsbilder und Diagnosen waren lange Zeit oft ungenügend. David Rosenhan, ein junger Psychologe von der Stanford University in Kalifornien, arbeitete Ende der 1960er Jahre als forensischer Gutachter. Bestürzt stellte er fest, wie willkürlich viele psychiatrische Diagnosen vergeben wurden.

Ob die Betreffenden als schizophren, psychopathisch oder depressiv eingestuft wurden, hing in seinen Augen weitgehend von der Einschätzung des jeweiligen Psychiaters ab, nicht von objektiv überprüfbaren Kriterien.

Er glaubte, diese Frage ließe sich klären, indem man prüfte, ob eigentlich gesunde Menschen, die nie an den Symptomen einer schweren psychischen Störung gelitten hatten, in einer psychiatrischen Klinik als gesund auffielen und, falls ja, wodurch.


Im ersten Teil des Experiments ließen sich Rosenhan und sieben seiner Seminarteilnehmer unter falschen Namen und mit denselben gespielten Symptomen im Laufe der Zeit in insgesamt zwölf psychiatrische Kliniken einliefern.

Sie hatten die Aufgabe, aus eigener Kraft aus der Klinik herauszukommen, indem sie das Personal von ihrer Gesundheit überzeugten. Sie präsentierten psychotische Symptome, um die Reaktionen der Psychiater zu studieren.

Rosenhans Vorbereitungen für seine Experimente waren immer dieselben. Er putzte sich mehrere Tage lang nicht die Zähne, wusch und rasierte sich nicht, zog schmutzige Kleidung an, vereinbarte telefonisch unter dem falschen Namen David Lurie einen Termin in einer psychiatrischen Klinik und ließ sich vor dem Haupteingang absetzen.


Unter seinen sieben Seminarteilnehmern waren ein Psychologiestudent, drei Psychologen, ein Kinderarzt, ein Psychiater, ein Maler und eine Hausfrau (drei Frauen und fünf Männer).

Sie behaupteten jeweils bei der Aufnahmeuntersuchung, Stimmen gehört zu haben, die, soweit sie verständlich waren, die Worte "empty" (leer), "hollow" (hohl) und "thud" (Bums, Plumps, dumpfer Aufschlag, aufprallen, aufschlagen, dröhnen, dumpf aufschlagen‘; "heart thudding" = pochenden Herzens‘).gesagt hätten.

Die Auswahl der Adjektive war nicht zufällig. Sie sollten nach einer »existenziellen Krise« klingen, was nach Stand der Forschung jedoch nicht für eine psychotische Störung sprach. Die untersuchenden Psychiater konnten nicht wissen, dass Rosenhan diese Symptome sorgfältig ausgewählt hatte. In der wissenschaftlichen Literatur gab es keinen Fall, der zu ihnen passte.

Nachdem sie in die jeweilige Klinik aufgenommen worden waren, hörten sie sofort auf, die Symptome zu spielen.


Jede der Testpersonen wurde aufgenommen, bei elf Anmeldungen wurde eine Schizophrenie diagnostiziert, bei einer eine manisch-depressive Psychose. Während des Tests wurde keine Testperson vom Personal als gesund erkannt.

Insgesamt 38 andere Patienten der Aufnahmestationen durchschauten dagegen die Täuschung relativ schnell und hielten die Testpersonen für Journalisten oder Professoren.


Obwohl die Testpersonen während des Klinikaufenthalts keine Symptome mehr zeigten, wurden sie dennoch durchschnittlich erst nach drei Wochen (Rosenhan in einem Fall erst nach 52 Tagen) und nicht etwa als gesund, sondern in den meisten Fällen mit der Diagnose "Schizophrenie in Remission" entlassen.

Den acht Testpersonen wurden insgesamt 2100 Tabletten unterschiedlicher Medikamente gegeben, die sie jedoch nicht einnahmen, was sie allerdings verheimlichten.

Sie protokollierten alle Ereignisse genauestens – erst heimlich und später offen, weil es niemand beachtete. In den Protokollen der Kliniken wurde diese Tätigkeit als pathologisches Schreibverhalten aufgeführt.


Rosenhan und die anderen Scheinpatienten machten auch kleine Versuche mit dem Personal. So baten sie Pflegerinnen und Ärzte von Zeit zu Zeit um Erlaubnis, hinauszugehen, und beobachteten, was dann geschah.

Die häufigste Reaktion war eine kurze Antwort im Vorbeigehen mit abgewandtem Kopf oder überhaupt keine Antwort. Oft hatten die Begegnungen dasselbe Muster.

Testperson: “Pardon me, Dr. X. Could you tell me when I am eligible for grounds privileges?” („Entschuldigen Sie, Dr. X. Können Sie mir sagen, wann ich das Ausgangsrecht erhalte?“)

Arzt im Vorübergehen, ohne die Frage zu beachten: “Good morning, Dave. How are you today?” („Guten Morgen, Dave. Wie geht es Ihnen heute?“)

Richtige Gespräche mit dem Personal der Kliniken fanden nicht statt, und die meisten Fragen der Testpersonen wurden ignoriert.


In einem zweiten Teil des Experiments hat Rosenhan bewiesen, dass diese Erwartungshaltung auch im umgekehrten Fall vorliegen kann.

Als Verantwortliche einer psychiatrischen Klinik, die von seinem Experiment erfahren hatten, behaupteten, bei ihnen wären derartige Fehldiagnosen unmöglich, schlug Rosenhan ihnen einen Test vor.

Innerhalb der nächsten drei Monate würde er einen oder mehrere Scheinpatienten schicken und die Psychiater sollten herausfinden, wer krank und wer gesund ist.

Diese Psychiatrie nahm im Zeitraum von drei Monaten 193 Patienten auf. 19 davon wurden von einem Psychiater und einem weiteren Mitglied des Personals als mögliche Scheinpatienten identifiziert.

Das Problem: In Wahrheit hatte Rosenhan keinen einzigen Pseudopatienten geschickt.


Die Ergebnisse des Rosenhan Experiments wurden 1973 unter dem Titel "On Being Sane in Insane Places" im Science-Magazin veröffentlicht (Titel der deutschen Übersetzung: Gesund in kranker Umgebung) und erschütterten die Fachwelt. Das "Rosenhan-Experiment" wurde zum Klassiker der Sozialpsychologie.


Das Experiment hat maßgeblich dazu beigetragen, psychiatrische Einrichtungen zu reformieren. Außerdem bemühte man sich in der Folgezeit um eine Verbesserung diagnostischer Standards in der Psychiatrie, so unter anderem durch eine Überarbeitung des DSM = "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen).


Und nun schließt sich der Kreis.

Seit 2019 wird die Validität des Experiments stark bezweifelt und ob Rosenhan das Experiment tatsächlich wie geschildert durchgeführt hat. In dem Jahr veröffentlichte die Journalistin Susannah Cahalan ihre Recherchen zu dem Experiment. Diese Recherchen wecken erhebliche Zweifel an Rosenhans Darstellung der Studie.

So soll Rosenhan selbst zwar als Patient an der Studie teilgenommen haben, dabei jedoch wesentlich ernstere Symptome (z. B. Suizidgedanken) geschildert haben, als er später berichtete.

Trotz intensiver Recherche konnte außerdem nur ein weiterer Teilnehmer der Studie, ein ehemaliger Doktorand Rosenhans, ausfindig gemacht werden. Dessen Erlebnisse deckten sich allerdings nicht mit den Schilderungen Rosenhans. Alle weiteren angeblichen Teilnehmer*innen des Experiments und deren Ergebnisse hat Rosenhan nach heutigen Erkenntnissen erfunden.

Quelle: wikipedia.org


Was übrig blieb:

Die Entstigmatisierung von Diagnosen wie Schizophrenie, Bipolare Störung, Borderline etc. ist bis heute nicht erreicht worden. Wir lassen uns offensichtlich ungewöhnlich stark von einmal vorgenommenen Klassifizierungen beeinflussen zu lassen. Wenn einer als psychisch krank gilt, dann werden auch alle seine Handlungen in diesem Zusammenhang gedeutet.

Schätzungen gehen davon aus, dass heute in den USA mehr als 50% psychisch kranker Menschen nicht in einer psychiatrischen Einrichtung, sondern im Gefängnis angetroffen werden.

Dies zu ändern, bedarf es allerdings weiterer Reformen im Gesundheitswesen.


Vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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