Wenn man nichts vergessen kann

Richard Petersen • 2. Oktober 2026

Ein Gedächtnis, das keine Pause kennt

Am 8. Juni 2000 setzt sich eine 34-jährige Frau aus Kalifornien an ihren Computer und schreibt einem Mann, den sie nicht kennt. James McGaugh ist Gedächtnisforscher an der University of California in Irvine, einer der renommiertesten seines Fachs. Die Frau heißt Jill Price, und was sie ihm schreibt, klingt zunächst nach Übertreibung. Sie könne zu jedem beliebigen Datum der letzten Jahrzehnte sagen, welcher Wochentag es war, was sie an diesem Tag gemacht hat und was in der Welt passiert ist. Sie müsse dafür nicht nachdenken. Sobald sie irgendwo ein Datum sehe, im Fernsehen, auf einem Kalender, auf einem Kassenbon, laufe der Tag einfach vor ihrem inneren Auge ab. Und dann kommt der Satz, der McGaugh aufhorchen lässt. Das alles sei für sie kein Talent, sondern ununterbrochen, unkontrollierbar und völlig erschöpfend.

McGaugh ist skeptisch, aber neugierig genug, sie einzuladen. Was folgt, sind Jahre voller Tests. Die Forscher nennen ihr Daten, Jill nennt Wochentage, Ereignisse, das Wetter, Gespräche, ihre Stimmung. Die Angaben lassen sich überprüfen, anhand von Zeitungsarchiven und anhand der Tagebücher, die sie seit ihrer Kindheit führt. Sie liegt fast immer richtig. Lückenlos funktioniert das ab Februar 1980, als sie 14 Jahre alt war, bruchstückhaft reicht es noch weiter zurück. Ein Film, der nie anhält

Wie sich das anfühlt, hat Jill Price später in ihrem Buch "The Woman Who Can't Forget" beschrieben. Ihr Gedächtnis funktioniere wie ein Videorekorder im Zufallsmodus. Ohne dass sie es will, springen Bilder aus verschiedenen Lebensjahren auf, ein Nachmittag 1983, ein Streit 1991, ein Geburtstag 1987, oft mehrere gleichzeitig, während sie eigentlich gerade mit jemandem redet oder Auto fährt.

Das wäre vielleicht noch auszuhalten, wenn nur die schönen Tage so lebendig blieben. Aber das Gedächtnis von Jill Price sortiert nicht. Jede Kränkung, jede peinliche Situation, jeder Streit mit den Eltern ist für sie so frisch, als wäre er gestern passiert, mit allen Gefühlen von damals. Ihre Eltern verstanden lange nicht, warum ihre Tochter alten Geschichten so nachhing. Sie hielten es für Grübeln. Jill wollte nicht grübeln, die Erinnerungen kamen einfach. Sie beschreibt sich selbst als Gefangene ihres Gedächtnisses.

Bemerkenswert ist, was sie nicht kann. In der Schule war Jill Price eine durchschnittliche Schülerin. Vokabeln, Formeln, Geschichtszahlen, die sie nicht selbst erlebt hatte, lernte sie genauso mühsam wie alle anderen. In standardisierten Gedächtnistests schnitt sie bei reinen Auswendiglernaufgaben sogar eher schwach ab. Ihr Gedächtnis ist also nicht einfach besser als unseres. Es ist auf eine ganz bestimmte Art anders. Es speichert ihr eigenes Leben, Tag für Tag, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob sie das möchte.

2006 veröffentlichten McGaugh und seine Kollegen Elizabeth Parker und Larry Cahill den Fall in einer Fachzeitschrift, unter dem Kürzel AJ, um Jills Identität zu schützen. Sie gaben dem Phänomen einen Namen, das hyperthymestische Syndrom, abgeleitet von den griechischen Wörtern für "übermäßig" und "Erinnern". Heute spricht die Forschung meist von HSAM, einem außergewöhnlich überlegenen autobiografischen Gedächtnis.

Nach der Veröffentlichung meldeten sich weltweit Menschen, die glaubten, Ähnliches zu erleben. Die meisten hatten einfach ein gutes Gedächtnis. Bestätigt wurde HSAM bisher bei weniger als hundert Menschen, darunter die amerikanische Schauspielerin Marilu Henner, bekannt aus der Fernsehserie "Taxi". Untersuchungen des Gehirns zeigten bei Jill Price unter anderem Auffälligkeiten in Regionen, die mit Gewohnheiten und dem Verarbeiten persönlicher Erinnerungen zu tun haben. Warum manche Menschen so ein Gedächtnis entwickeln, ist bis heute nicht geklärt.

Auch das perfekte Gedächtnis lässt sich täuschen

Die vielleicht überraschendste Wendung dieser Geschichte kam 2013. Ein Forscherteam um Lawrence Patihis, zu dem auch die bekannte Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus gehörte, wollte wissen, ob Menschen mit HSAM wenigstens vor falschen Erinnerungen geschützt sind. Die Teilnehmer bekamen Wortlisten, Fotos eines inszenierten Verbrechens mit nachträglich eingestreuten Fehlinformationen, und sie wurden gefragt, ob sie sich an die Videoaufnahmen vom Absturz des Flugs United 93 am 11. September erinnern. Solche Aufnahmen gibt es nicht.

Das Ergebnis war eindeutig. Die Menschen mit dem außergewöhnlichen Gedächtnis fielen auf die Fehlinformationen ungefähr genauso oft herein wie die Vergleichsgruppe mit ganz normalem Gedächtnis. Einige erinnerten sich lebhaft an Filmaufnahmen, die nie gedreht wurden. Patihis brachte es auf den Punkt. Ihr Gedächtnis sei zwar tatsächlich außergewöhnlich, aber genauso formbar wie das von allen anderen.

Das sagt viel über unser aller Erinnerung. Das Gedächtnis ist keine Festplatte, auf der Erlebnisse unverändert abgelegt werden. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, setzen wir das Erlebte neu zusammen, und dabei kann sich etwas verschieben, ohne dass wir es merken. Das gilt offenbar selbst für Menschen, die sich an jeden einzelnen Tag ihres Lebens erinnern.

Schon 1942, lange bevor jemand von HSAM sprach, hat der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges eine Geschichte über einen jungen Mann geschrieben, der nach einem Sturz vom Pferd nichts mehr vergessen kann. Ireneo Funes erinnert sich an jedes Blatt jedes Baumes, den er je gesehen hat, und an jede Wolkenform jedes Morgens. Doch er kann kaum noch denken. Denn denken, so Borges, heißt Unterschiede vergessen, verallgemeinern, abstrahieren. Wer jeden einzelnen Hund in jedem einzelnen Moment vor Augen hat, versteht nicht mehr, warum all diese Tiere dasselbe Wort tragen sollen.

Die Geschichte von Jill Price zeigt, dass Borges einen wahren Kern getroffen hat. Vergessen ist kein Fehler unseres Gehirns, sondern eine seiner wichtigsten Leistungen. Es sortiert aus, was wir nicht mehr brauchen, und es tut noch etwas viel Wertvolleres. Es nimmt alten Erlebnissen nach und nach ihre Schärfe. Der Satz, dass die Zeit alle Wunden heilt, stimmt nur, weil das Gedächtnis mitspielt. Die Erinnerung an eine Demütigung bleibt, aber das Brennen lässt nach. Jill Price ist dieses Nachlassen nicht vergönnt. Jede Wunde bleibt so frisch wie am ersten Tag.

Wer das einmal verstanden hat, sieht die eigene Vergesslichkeit vielleicht mit etwas mehr Nachsicht. Der vergessene Geburtstag einer Kollegin oder der Name, der einem auf der Zunge liegt, sind der Preis für etwas Großes. Und wenn bei uns einzelne schmerzhafte Erinnerungen doch einmal hartnäckig scharf bleiben, nach einer Trennung, einem Verlust oder einer Kränkung, die einfach nicht verblassen will, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Dann hat das Gedächtnis an dieser Stelle schlicht noch nicht losgelassen. Aber dabei kann man ihm helfen.


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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