Wenn eine ganze Stadt zu tanzen beginnt

Richard Petersen • 16. Oktober 2026

Die rätselhafte Tanzwut von Straßburg

Straßburg, Mitte Juli 1518. Es ist heiß in den engen Gassen der Stadt, als eine Frau aus ihrem Fachwerkhaus tritt und zu tanzen beginnt. Es spielt keine Musik, es ist kein Feiertag, es gibt keinen erkennbaren Grund. Die Chroniken nennen sie Frau Troffea. Die Nachbarn bleiben stehen, manche lachen, manche schütteln den Kopf. Doch Frau Troffea hört nicht auf. Sie tanzt, bis sie vor Erschöpfung zusammenbricht, schläft ein paar Stunden und steht wieder auf, um weiterzutanzen. So geht es fast eine Woche lang.

Dann passiert etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Andere fangen ebenfalls an. Zuerst ein paar, nach wenigen Tagen sind es über dreißig. Im August tanzen in Straßburg je nach Quelle zwischen fünfzig und vierhundert Menschen, Männer und Frauen, mit verzerrten Gesichtern und blutigen Füßen, tagelang, ohne aufhören zu können. Wer zusieht, beschreibt keine Freude. Die Tanzenden schreien um Hilfe, während ihre Körper weiterzucken.


Ein Heilmittel, das alles schlimmer macht

Der Stadtrat ist ratlos und fragt die Ärzte. Deren Diagnose klingt nach damaligem Stand der Medizin vernünftig. Die Betroffenen litten unter überhitztem Blut, und das müsse man herausbekommen, indem man sie weitertanzen lasse, bis die Hitze verflogen sei. Also tut die Stadt das Naheliegende. Sie räumt Gildehallen für die Tanzenden, lässt beim Pferdemarkt eigens eine Holzbühne aufbauen, bezahlt Musiker und stellt kräftige Männer ab, die die Erschöpften stützen, damit sie nicht umfallen.

Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, wie das ausgeht. Die Musik, die Bühne und die öffentliche Aufmerksamkeit wirken wie ein Magnet. Es werden nicht weniger Tanzende, sondern mehr.

Irgendwann schwenkt der Rat um. Jetzt soll es eine Strafe Gottes sein, und auf eine Strafe Gottes antwortet man mit Buße. Musik und öffentliches Tanzen werden verboten. Die Tanzenden werden auf Wagen in die Hügel oberhalb der Stadt Saverne gebracht, zu einer feuchten Grotte mit einem Schrein des heiligen Veit. Dort bekommen sie rote Schuhe, auf die Kreuze gemalt sind und die mit Weihwasser besprengt werden, und sie müssen betend um eine hölzerne Figur des Heiligen herumgehen. Im September ebbt die Tanzwut schließlich ab, so rätselhaft, wie sie gekommen ist.

Wie viele Menschen damals gestorben sind, weiß niemand genau. Spätere Berichte sprechen von bis zu fünfzehn Toten an manchen Tagen, die Straßburger Quellen aus dem Sommer 1518 erwähnen dagegen keine Todesfälle. Dass Menschen nach tagelangem Tanzen ohne Essen und Ruhe zusammenbrachen, ist allerdings gut belegt.


Vergiftetes Brot oder ein erschöpftes Volk?

Lange galt eine scheinbar einfache Erklärung als wahrscheinlich, nämlich Mutterkorn. Der Pilz befällt Roggen und enthält Stoffe, die chemisch mit LSD verwandt sind. Wer verseuchtes Brot isst, kann Krämpfe und Halluzinationen bekommen. Der Medizinhistoriker John Waller, der sich wie kaum ein anderer mit der Tanzwut beschäftigt hat, hält das jedoch für unhaltbar. Mutterkornvergiftung schnürt die Blutzufuhr zu Armen und Beinen ab. Wer daran leidet, kann kaum gehen, geschweige denn tagelang tanzen.

Waller vertritt eine andere Erklärung, und die führt mitten hinein in die Psyche. Die Menschen im Elsass hatten zu dieser Zeit Jahre voller Elend hinter sich. Missernten und Hungersnöte, Pocken, die damals neue Syphilis und eine tiefe Verzweiflung. Und sie lebten in einer Welt, in der eine Vorstellung fest verankert war. Der heilige Veit, so glaubte man, könne Sünder mit einem Tanzfluch strafen, der sie nicht mehr loslässt. Tanzepidemien hatte es entlang von Rhein und Mosel schon früher gegeben, die Geschichten davon kannte jeder.

Wenn ein Mensch unter enormem Druck steht und gleichzeitig fest daran glaubt, dass so etwas passieren kann, kann der Körper genau das tun, was der Kopf erwartet. Waller beschreibt die Tanzwut deshalb als eine Art Trance, ausgelöst durch extremen Stress und geformt durch den Glauben der Zeit. Heute spricht man von einer massenpsychogenen Erkrankung. Die Symptome sind echt, sie haben aber keine körperliche Ursache wie ein Gift oder einen Erreger. Sie springen von Mensch zu Mensch über, durch Beobachtung, Angst und Erwartung.

Wer meinen Artikel über den Nocebo-Effekt gelesen hat, erkennt das Muster wieder. Dort reichte ein einziger Gedanke, um bei einem jungen Mann den Kreislauf fast zusammenbrechen zu lassen. In Straßburg geschah dasselbe in einer ganzen Stadt.


Fünfhundert Jahre später, auf dem Bildschirm

Man könnte das alles für ein Kuriosum des Mittelalters halten, für eine Geschichte aus einer Zeit voller Aberglauben. Doch zwischen 2019 und 2021 fiel Ärztinnen und Ärzten an der Tourette-Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover etwas Seltsames auf. Immer mehr junge Menschen kamen mit plötzlich aufgetretenen, heftigen Tics. Sie riefen Schimpfwörter, machten Tiergeräusche, warfen Gegenstände oder riefen völlig zusammenhanglos Wörter wie "Pommes".

Das Team um die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl entdeckte eine erstaunliche Gemeinsamkeit. Fast alle Betroffenen hatten vorher die Videos eines deutschen YouTubers gesehen, der offen und sehr erfolgreich über sein eigenes Tourette-Syndrom berichtet. Ihre Symptome ähnelten seinen bis ins Detail. Viele gaben ihren Tics sogar einen altmodischen Vornamen, so wie er es mit seinen tut. Die Forscher nannten das Phänomen eine durch soziale Medien ausgelöste Massenerkrankung, die erste ihrer Art, die sich nicht von Mensch zu Mensch, sondern über den Bildschirm verbreitete.

Wichtig ist dabei, was das nicht bedeutet. Die Betroffenen haben sich nichts ausgedacht und auch nichts vorgespielt. Ihre Symptome waren echt und belastend, nur hatten sie einen anderen Ursprung als ein klassisches Tourette-Syndrom. Und anders als bei einem echten Tourette-Syndrom können solche Symptome auch wieder ganz verschwinden.


Was Straßburg uns heute noch lehrt

Wir Menschen sind soziale Wesen, viel mehr, als uns oft bewusst ist. Wer schon einmal gegähnt hat, weil jemand anderes gähnte, kennt das im ganz Kleinen. Unser Nervensystem schaut ständig, was die anderen tun, und stellt sich darauf ein. Meistens hilft uns das. Unter großem Druck, in unsicheren Zeiten und wenn eine passende Erwartung schon im Raum steht, kann dieser Mechanismus aber außer Kontrolle geraten.

Die Stadtoberen von Straßburg haben dabei, ohne es zu wissen, den vielleicht wichtigsten Hinweis geliefert. Ihre Bühne und ihre Musiker haben das Problem nicht gelöst, sondern befeuert. Aufmerksamkeit, Aufregung und Angst sind der Nährboden solcher Phänomene, Ruhe und Entlastung ihr Gegenmittel. Das gilt für eine mittelalterliche Tanzepidemie genauso wie für die Angst, die sich heute nach einer beunruhigenden Nachricht in Windeseile durch soziale Netzwerke frisst.

Und noch etwas lässt sich aus dem Sommer 1518 mitnehmen. Wenn der Körper Dinge tut, die der Kopf nicht steuern kann, ist das kein Zeichen von Schwäche oder Einbildung. Es ist ein Zeichen dafür, wie eng beides miteinander verbunden ist, und wie viel Einfluss das, was wir glauben und erwarten, auf das hat, was wir erleben.


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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