Wenn man nichts liegen lassen kann
Das unbekannte Gegenteil des Aufschiebens
Adam Grant ist heute einer der bekanntesten Organisationspsychologen der Welt, Professor an der Wharton School in Philadelphia und Autor mehrerer Bestseller. Wer seine Studienzeit kennt, wundert sich darüber nicht. Seine Hausarbeiten im Studium gab er Wochen vor der Frist ab. Seine Abschlussarbeit war vier Monate vor dem Termin fertig. Und seine Doktorarbeit reichte er ganze zwei Jahre früher ein als nötig. Seine Mitbewohner zogen ihn damit auf und sprachen von einer produktiven Form von Zwangsstörung.
Grant selbst hat später in einem Beitrag für die New York Times beschrieben, wie sich das von innen anfühlt. Wenn er eine Flut von E-Mails nicht sofort beantwortet, habe er das Gefühl, sein Leben gerate außer Kontrolle. Steht in einem Monat eine Rede an, beschleiche ihn an jedem Tag, an dem er nicht daran arbeitet, ein Gefühl innerer Leere. Für Menschen wie ihn, schrieb er, sei Fortschritt wie Sauerstoff und Aufschub eine Qual.
Für diesen Zustand gibt es inzwischen einen Namen. Er heißt Präkrastination.
Der Begriff spielt auf sein viel bekannteres Gegenstück an, die Prokrastination, also das ewige Aufschieben, über das ich in einem eigenen Artikel zum Prokrastinieren geschrieben habe.
Zwei Eimer und eine merkwürdige Entscheidung
Den Begriff verdanken wir einem Experiment, das so schlicht ist, dass man es fast für einen Scherz halten könnte. 2014 bat der Psychologe David Rosenbaum an der Pennsylvania State University Studierende, einen Gang entlangzugehen. Unterwegs standen zwei Eimer, einer ziemlich weit vorne, der andere ein ganzes Stück weiter hinten, nahe am Ziel. Die Aufgabe lautete, einen der beiden Eimer mitzunehmen und bis zum Ende des Gangs zu tragen, und zwar den, der sich leichter tragen lässt.
Die Sache scheint klar. Wer den hinteren Eimer nimmt, muss ihn nur ein kurzes Stück schleppen. Rosenbaum und sein Team rechneten deshalb fest damit, dass sich die meisten für den hinteren Eimer entscheiden würden. Doch es kam umgekehrt. Die meisten griffen sich den vorderen Eimer und trugen ihn die ganze Strecke, also deutlich länger als nötig. Nach dem Grund gefragt, gaben viele eine verblüffend ehrliche Antwort. Sie wollten die Aufgabe einfach so schnell wie möglich erledigt haben.
Dabei wurden sie damit nicht schneller fertig. Mit dem hinteren Eimer wären sie genauso schnell am Ziel gewesen. Sie hatten sich nur früher eine Last aufgeladen, im wörtlichen Sinn. Die Forscher variierten das Experiment sogar in alle Richtungen. Sie füllten Münzen in die Eimer, machten einen schwerer als den anderen und änderten die Abstände. Aber das Muster blieb erstaunlich stabil. Und das Phänomen ist offenbar nicht einmal typisch menschlich. In Versuchen mit Tauben zeigten auch die Vögel eine Vorliebe dafür, den nächsten Schritt so früh wie möglich anzugehen, obwohl es ihnen keinen Vorteil brachte.
Warum wir uns freiwillig mehr Arbeit machen
Rosenbaum hat dafür eine Erklärung, die vielen bekannt vorkommen dürfte. Jede offene Aufgabe belegt einen kleinen Platz im Kopf. Solange der Eimer noch irgendwo vor uns steht, müssen wir daran denken, dass wir ihn noch holen müssen. Sobald wir ihn in der Hand halten, ist dieser Gedanke erledigt. Wir tauschen also körperliche Mühe gegen geistige Entlastung, und offenbar ist uns die geistige Entlastung oft mehr wert.
Spätere Studien stützen diese Idee. Und wer während des Versuchs zusätzlich Zahlenreihen im Kopf behalten musste, griff noch häufiger zum vorderen Eimer. Je voller der Kopf, desto stärker der Drang, etwas abzuhaken. Dazu kommt das kleine Glücksgefühl, das jedes erledigte Häkchen auf der To-do-Liste auslöst. Und irgendwann wird das Ganze schlicht zur Gewohnheit. Manche Versuchspersonen sagten später, sie hätten den vorderen Eimer genommen, weil sie das eben so machen.
Präkrastination ist keine Krankheit, und sie hat sogar ganz sympathische Seiten. Menschen, die so ticken, gelten oft als besonders gewissenhaft und zuverlässig. Auf sie kann man sich verlassen, Fristen verpassen sie nie. Aber die Eimer zeigen auch den Preis. Wer alles sofort erledigt, investiert oft mehr Energie als nötig, und manchmal leidet die Qualität. Die schnelle Antwort auf eine schwierige E-Mail ist selten die beste. Und wer ständig das abarbeitet, was gerade vor ihm liegt, kümmert sich oft um das Dringende und Kleine statt um das Wichtige und Große.
Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Momente wieder. Du beantwortest Nachrichten, während das Handy noch vibriert. Rechnungen überweist du am Tag ihrer Ankunft. Der Koffer ist eine Woche vor dem Urlaub gepackt. Und abends auf dem Sofa kannst du nicht richtig abschalten, solange noch irgendetwas offen ist. Auf Dauer kann genau dieses Nicht-abschalten-Können in eine Erschöpfung bis hin zum Burnout führen.
Der überraschende Wert des Liegenlassens
Adam Grant hätte vermutlich nie an seiner Gewohnheit gezweifelt, wenn nicht eine seiner Studentinnen gewesen wäre. Jihae Shin wollte wissen, ob das Aufschieben vielleicht auch eine gute Seite hat. In mehreren Unternehmen befragte sie Beschäftigte, wie oft sie Aufgaben vor sich herschieben, und ließ ihre Vorgesetzten beurteilen, wie kreativ sie seien. Die Aufschieber schnitten besser ab.
Dann wollte sie es genau wissen. Die Teilnehmenden sollten sich neue Geschäftsideen ausdenken. Ein Teil legte sofort los. Ein anderer Teil bekam die Aufgabe gezeigt und durfte dann erst einmal fünf Minuten Minesweeper oder Solitaire spielen. Unabhängige Gutachter bewerteten die Ideen anschließend, ohne zu wissen, wer zu welcher Gruppe gehörte. Die Ideen der kurz Aufschiebenden waren um ganze 28 Prozent kreativer. Das Spielen allein machte zwar niemanden einfallsreicher. Der Effekt trat nämlich nur auf, wenn die Leute die Aufgabe schon kannten und sie dann bewusst liegen ließen. Im Hintergrund arbeitete der Kopf offenbar weiter. Eine dritte Gruppe musste die Aufgabe bis zur letzten Minute aufschieben. Sie schnitt am schlechtesten ab, weil die Zeit nur noch für die naheliegendste Idee reichte. Die besten Ergebnisse lagen also weder beim sofortigen Erledigen noch beim Aufschieben bis zum Schluss, sondern irgendwo dazwischen.
Grant beschloss daraufhin, sich selbst das Aufschieben beizubringen. Er schrieb sich eine To-do-Liste fürs Prokrastinieren, was nach eigener Aussage nicht besonders gut lief. Er hörte beim Schreiben absichtlich mitten im Satz auf, um am nächsten Tag weiterzumachen. Und er ließ einen fertigen Entwurf drei Wochen lang in der Schublade liegen, bevor er ihn wieder hervorholte. Danach schrieb er den Großteil neu, und der Text wurde besser. Grant zitiert gern einen Satz des Drehbuchautors Aaron Sorkin. „Ihr nennt es Aufschieben, ich nenne es Nachdenken.“
Den Eimer einfach mal stehen lassen
Wer sich in Adam Grant wiedererkennt, muss sich deshalb nicht neu erfinden. Ein paar kleine Gewohnheiten können aber helfen, die Vorteile der Präkrastination zu behalten und ihren Preis zu senken.
Die erste ist eine kurze Pause vor dem Reagieren. Zwischen dem Eintreffen einer Nachricht und der Antwort dürfen ein paar Stunden liegen, bei wichtigen Themen auch mal eine Nacht. Die zweite ist eine einfache Frage, bevor du etwas sofort erledigst. Ist diese Aufgabe gerade wichtig, oder liegt sie nur gerade vor mir? Die dritte setzt direkt an Rosenbaums Erklärung an. Wenn offene Aufgaben deshalb drängen, weil sie Platz im Kopf belegen, hilft es, sie aus dem Kopf zu holen. Eine Liste auf Papier, auf der eine Aufgabe sicher geparkt ist, nimmt oft schon einen großen Teil des Drucks.
Und manchmal lohnt sich ein genauerer Blick. Wenn hinter dem Drang, alles sofort zu erledigen, weniger Tatendrang steckt als eine innere Unruhe, die keine offene Aufgabe aushält, dann geht es nicht mehr um Zeitmanagement, sondern um das Gefühl dahinter. Gerade dieses Gefühl lässt sich gut bearbeiten. Ziel ist dann nicht, aus einem gewissenhaften Menschen einen Aufschieber zu machen, sondern ihm die Freiheit zu geben, einen Eimer auch einmal stehen zu lassen, bis er ihn wirklich braucht.
In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.









