„Bringt ja eh nichts"

Richard Petersen • 25. September 2026

Warum Burnout lähmt und wie der Mut zurückkehrt

Sonntagabend, kurz nach neun. Katrin sitzt am Küchentisch, der Laptop ist aufgeklappt, im Postfach warten 84 ungelesene Mails. Eigentlich wollte sie nur kurz nachsehen, was morgen ansteht. Jetzt starrt sie seit zehn Minuten auf den Bildschirm, ohne eine einzige Nachricht zu öffnen. Ihre Freundin hat ihr am Nachmittag am Telefon geraten, endlich mit ihrem Chef zu reden, vielleicht die Stunden zu reduzieren, vielleicht sogar etwas Neues zu suchen. Katrin hat genickt und gesagt, dass sie darüber nachdenkt. Gedacht hat sie etwas anderes. Bringt ja eh nichts.

Nennen wir sie Katrin, sie könnte aber auch Thomas heißen oder Sabine oder Jan. Wer mit Menschen im Burnout spricht, begegnet diesem Satz so oft, dass man sich fragt, woher er eigentlich kommt. Eine der eindrücklichsten Antworten darauf liegt fast sechzig Jahre zurück, in einem Labor in Philadelphia.


Die Hunde, die einfach liegen blieben

1964 kommt ein junger Doktorand namens Martin Seligman an die University of Pennsylvania und landet in einem Labor, in dem gerade etwas schiefläuft. Die Forscher dort untersuchen, wie Hunde lernen, und für einen ihrer Versuche sollen die Tiere über eine niedrige Barriere springen, um leichten Stromstößen zu entkommen. Das Problem ist, dass ein Teil der Hunde nicht springt. Sie legen sich hin, winseln und warten, bis es vorbei ist. Die Kollegen sind genervt, die Tiere ruinieren ihnen die Versuchsreihe. Seligman sieht darin etwas anderes. Diese Hunde hatten vorher Stromstöße erlebt, denen sie nicht ausweichen konnten. Was, wenn sie daraus etwas gelernt hatten, das sie nun nicht mehr loslässt?

Zusammen mit seinem Kollegen Steven Maier baut er 1967 ein Experiment, das dieser Frage nachgeht und das heute übrigens kein Ethikrat mehr genehmigen würde. Die Hunde werden in drei Gruppen eingeteilt. Die erste bleibt nur eine Weile im Geschirr und wird wieder freigelassen. Die zweite bekommt leichte Stromstöße, kann sie aber beenden, indem sie mit der Schnauze gegen eine Platte drückt. Die dritte bekommt exakt dieselben Stöße, zur selben Zeit und in derselben Stärke, nur ist ihre Platte ohne Funktion. Für diese Tiere hören die Stöße irgendwann auf, ganz gleich, was sie tun.

Am nächsten Tag kommen alle in die sogenannte Shuttle-Box. Zwei Abteile mit einer niedrigen Barriere dazwischen. Auf der einen Seite erhalten die Hunde wieder Stromstöße. Die Hunde der ersten beiden Gruppen brauchen nicht lange. Sie springen auf die andere Seite, und der Spuk ist vorbei. Die meisten Hunde der dritten Gruppe dagegen legen sich hin, genau wie damals im Labor. Die Rettung liegt einen einzigen Satz entfernt, und sie versuchen es nicht einmal. Seligman gibt dem Phänomen einen Namen, der bis heute in jedem Psychologielehrbuch steht. Erlernte Hilflosigkeit.

Ein Detail aus diesen Versuchen sollte ihn allerdings nie wieder loslassen. Nicht alle Hunde der dritten Gruppe gaben auf. Einige sprangen trotz allem. Jahre später wurde genau diese Beobachtung zum Ausgangspunkt seiner Forschung darüber, was Lebewesen widerstandsfähig macht.


Der Knopf, der nichts bewirkt

Dass Menschen nicht anders reagieren, zeigte wenig später der Psychologe Donald Hiroto mit einer harmloseren Methode. Seine Versuchspersonen mussten Aufgaben lösen, während sie ein unangenehmer Lärm beschallte. Manche konnten ihn per Knopfdruck abstellen, bei anderen war der Knopf ohne Wirkung. Wer erlebt hatte, dass sein Drücken nichts nützt, versuchte es in späteren Runden oft gar nicht mehr, selbst als der Lärm längst abstellbar gewesen wäre. Und bei denen, die einen funktionierenden Knopf hatten, zeigte sich etwas Verblüffendes. Viele drückten ihn nie. Allein das Wissen, dass sie es könnten, machte sie ruhiger und besser.

Katrin hat ihren Knopf lange gedrückt. Als die Arbeit vor drei Jahren anfing, ihr über den Kopf zu wachsen, hat sie gekämpft. Sie ist früher gekommen und später gegangen. Sie hat ihre Abläufe umgestellt, Listen geschrieben, eine Fortbildung zu Zeitmanagement besucht. Sie hat im Jahresgespräch gesagt, dass es so nicht weitergeht, und ihr Chef hat verständnisvoll genickt. Geändert hat sich nichts. Für jede erledigte Aufgabe kamen zwei neue, und die Anerkennung, auf die sie insgeheim gehofft hatte, kam nie. Irgendwann hat sie aufgehört zu drücken.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout anhand von drei Merkmalen, einer tiefen Erschöpfung, einer wachsenden inneren Distanz zur eigenen Arbeit und dem Gefühl, beruflich kaum noch etwas zu bewirken. Das dritte Merkmal könnte direkt aus Seligmans Labor stammen. Und es erklärt, warum der gut gemeinte Rat der Freundin an Katrin abperlt. Von außen gibt es Auswege, ein Gespräch, weniger Stunden, ein neuer Job. Von innen fühlen sie sich an wie die Barriere in der Shuttle-Box für einen Hund, der gelernt hat, dass Springen sinnlos ist.


Die Wende nach fünfzig Jahren

Die Geschichte könnte hier enden, mit einer ziemlich düsteren Botschaft. Doch sie bekommt fast ein halbes Jahrhundert später eine überraschende Wendung. Steven Maier hatte sich inzwischen der Hirnforschung zugewandt, und mit ihren modernen Methoden schaute er sich genauer an, was im Gehirn der Tiere tatsächlich passiert. 2016 veröffentlichte er gemeinsam mit Seligman einen Artikel, in dem die beiden ihre eigene, berühmte Theorie umdrehten.

Passivität, so ihr Ergebnis, wird gar nicht gelernt. Sie ist die Standardreaktion des Gehirns auf anhaltende Belastung, ein uraltes Notprogramm, das eine kleine Region im Hirnstamm bei Dauerstress ganz von selbst hochfährt.

Gelernt wird etwas anderes, nämlich Kontrolle. Wenn ein Lebewesen erlebt, dass sein Handeln etwas verändert, meldet sich ein Bereich im vorderen Stirnhirn zu Wort und bremst das Notprogramm aktiv aus. Und diese Erfahrung wirkt nach. Tiere, die einmal Kontrolle erlebt hatten, blieben auch bei späteren Belastungen deutlich widerstandsfähiger.

Für Katrin ist das die vielleicht wichtigste Nachricht der ganzen Geschichte. Ihre Lähmung am Sonntagabend ist kein Charakterfehler, keine Faulheit und keine Schwäche. Es ist ein Schutzprogramm, das ihr Körper nach drei Jahren Überlastung ganz von allein abgerufen hat. Und der Gegenspieler dieses Programms ist trainierbar. Nur leider nicht durch gute Ratschläge. Kein Hund wäre gesprungen, weil ihm jemand erklärt hätte, wie niedrig die Barriere ist. Das Gehirn muss Wirksamkeit erleben, nicht nur davon hören.


Springen üben, ohne zu springen

Erleben muss allerdings nicht immer draußen in der Welt stattfinden. In Trance werden innere Erfahrungen so lebendig, dass das Gehirn sie ähnlich verarbeitet wie echte, und genau das macht Hypnose in der Burnout-Begleitung so wertvoll.

Bei Katrin würde es vermutlich ganz unspektakulär beginnen, mit der Erfahrung, dass ihr Körper überhaupt noch zur Ruhe kommen kann. Viele Menschen im Burnout haben seit Monaten keinen Moment echter Entspannung mehr erlebt. Wenn sich die Schultern zum ersten Mal wieder senken und der Atem von selbst tiefer wird, ist das mehr als eine angenehme Pause. Es ist ein erster kleiner Beweis dafür, dass sich etwas verändern lässt.

Später könnte es in Trance zurückgehen zu Momenten, in denen Katrin sehr wohl etwas bewegt hat. Das Projekt, das sie vor Jahren fast im Alleingang gerettet hat. Der Umzug, den sie mit zwei kleinen Kindern organisiert hat. Solche Erinnerungen sind bei Menschen im Burnout selten verschwunden, sie liegen nur verschüttet unter dem Gefühl, dass heute nichts mehr gelingt. Werden sie wieder spürbar, erinnert sich auch das Gehirn daran, wie sich Wirksamkeit anfühlt.

Und schließlich lassen sich auch die nächsten Schritte vorab durchspielen, geschützt und ohne echtes Risiko. Das Gespräch mit dem Chef, diesmal mit einer klaren Forderung statt einer vorsichtigen Andeutung. Das erste Nein zu einer Zusatzaufgabe. Die Pause oder der Feierabend um fünf, ohne schlechtes Gewissen. Wer eine Situation innerlich schon einmal erfolgreich erlebt hat, geht anders hinein, wenn sie wirklich ansteht. Katrin muss den Sprung dann nicht mehr zum ersten Mal wagen.

Zur Ehrlichkeit gehört dabei auch, dass Burnout sich in vielen Symptomen mit einer Depression überschneidet und eine ärztliche Abklärung deshalb immer dazugehört. Und keine Trance der Welt ersetzt die Veränderung der Umstände, die in die Erschöpfung geführt haben. Sie kann aber die Kraft zurückbringen, genau diese Umstände anzupacken.

Wenn du dich in Katrin wiedererkennst, in der Müdigkeit, die kein Wochenende mehr vertreibt, oder in dem leisen Gedanken, dass sich ohnehin nichts ändern lässt, dann nimm aus Seligmans Labor vor allem die Wende von 2016 mit. Dein Gehirn hat nicht verlernt, dass du etwas bewirken kannst. Es hatte nur zu lange keine Gelegenheit mehr, es zu erleben. Diese Gelegenheit lässt sich schaffen, Schritt für Schritt, bis die Barriere wieder so niedrig aussieht, wie sie in Wahrheit ist.



In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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