Déjà-vu

Richard Petersen • 10. November 2023

Das kommt mir irgendwie bekannt vor...

Du sitzt in einem Café und bestellst einen Cappuccino. Der Kaffeegeruch strömt dir in die Nase. Da öffnet sich die Tür und ein elegant gekleidetes Paar tritt ein. Die Situation ist dir vollkommen neu. Dennoch hast du das seltsame Gefühl, den Moment schon einmal genau so erlebt zu haben.

Viele Menschen erleben mit den Jahren eine oder mehrere solcher Situationen. Ein Déjà-vu-Erlebnis ist verwirrend und aufregend zugleich. Nicht minder verwirrend sind aber auch seine zahlreichen Erklärungsansätze.

Ein Déjà-vu beschreibt das merkwürdige Gefühl, etwas schon einmal ganz genauso gesehen oder erlebt zu haben. Untersuchungen gehen davon aus, dass jeder Zweite bereits ein Déjà-vu hatte oder regelmäßig hat. Das Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik geht sogar von bis zu 97 Prozent der Menschen aus.

Ein Déjà-vu kann in den unterschiedlichsten Situationen auftreten. Fast immer ist es verwirrend und irritierend.

Was aber steckt hinter dem Phänomen? Wie entstehen Déjà-vus?

 

Der Begriff „Déjà-vu“ stammt aus dem Französischen und bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie „schon mal gesehen“. Betroffene haben das sichere Gefühl, etwas oder eine Situation schon einmal genau so gesehen oder erlebt zu haben.

Meist handelt es sich dabei aber nur um eine sogenannte „Erinnerungstäuschung“, wie etwa der britische Neurowissenschaftler Akira Robert O’Connor sagt.

Ein flüchtiges Phänomen, bei dem uns unser Gehirn einen Streich spielt.


Ein echtes Déjà-vu zeichnet sich durch 4 typische Merkmale aus:

  1. Zweifel
    Du spürst trotz der Vertrautheit der Situation, dass diese nicht echt sein kann.
  2. Ungewissheit
    Du kannst nie exakt benennen, woran genau dich das Déjà-vu erinnert.
  3. Momentaufnahme
    Du erinnerst nur einen winzigen Moment, eine Szene, nie das Davor oder Danach.
  4. Flüchtigkeit
    Das Gefühl der Vertrautheit ist binnen weniger Sekunden vorbei.


Treffen alle vier Merkmale zu, handelt es sich um ein echtes Déjà-vu.


Déjà-vu-Verwandte:

Déjà-vu ist der Sammelbegriff für etwas, das die Sensorik von Menschen verwirrt und das Gefühl der Erinnerung auslöst. Dazu gibt es auch verwandte Phänomene, die sich zum Teil inhaltlich überschneiden.

Einige Beispiele:

  • Fausse reconnaissance (französisch für „falsches Wiedererkennen“)
  • Déjà-entendu, Déjà-écouté (französisch für „schon gehört“)
  • Déjà-vécu (französisch für „schon erlebt“)
  • Déjà-rêvé (französisch für „schon geträumt“)
  • Déjà-senti (französisch für „schon gefühlt“)


Sidekick: Jamais-vu

Es gibt auch das Gegenteil zum Déjà-vu – das sogenannte „Jamais-vu“.

Der Begriff bedeutet übersetzt „noch nie gesehen“ oder „noch nie dagewesen“ und beschreibt das Gefühl, sich in einer vertrauten Umgebung oder bei bekannten Dingen plötzlich völlig fremd zu fühlen.


Bis heute herrscht in der Wissenschaft keine Einigkeit darüber, wie ein Déjà-vu entsteht. Sigmund Freud glaubte noch, dass verborgene Wünsche Auslöser sind.

Die moderne Forschung wiederum weiß, dass auch Stress, Schlafmangel oder Substanzen wie Alkohol und Drogen zu vermehrten Déjà-vus führen.

 

Immerhin die Psychologie kennt ein paar Motive, die das Auftreten Déjà-vus erklären können:

Déjà-vu als falsche Assoziation

Einige Psychologen glauben, dass wir bei einem Déjà-vu nur ein Fragment erinnern, das beim ersten Mal nicht vollständig erfasst wurde. Bruchstücke aus der Vergangenheit, die wir mit der Gegenwart falsch verknüpfen und so als Wiederholung interpretieren. Demnach kommt es zu einer falschen Assoziation zwischen etwas Neuem und etwas Altem, das tief im Unterbewusstsein abgespeichert ist. Etwa ein bestimmter Ort, Geruch oder Satz.

Für diese Theorie spricht eine Studie von Forschern an der St. Andrews Universität in Schottland. Sie fanden mittels Gehirnscans heraus, dass bei einem Déjà-vu nicht die Areale für Gedächtnisleistung im Gehirn aktiv sind, sondern die für Entscheidungen.

 

Déjà-vu als vergessene Erinnerung

Charakteristisch für Déjà-vu-Erlebnisse sei, dass man einen Augenblick sicher ist, die Situation so schon einmal erlebt zu haben. Man erinnert sich aber nicht an den Zeitpunkt. Demnach kann ein Déjà-vu entstehen, wenn es sich um eine tatsächliche Erinnerung handelt, die wir aber bis zu diesem Zeitpunkt vergessen haben.

Das glauben zum Beispiel die französischen Autoren Marc Tadie und seines Bruders Jean-Yves. Der eine ist Direktor eines neurochirurgischen Universitätsinstituts, der andere Literaturprofessor.


Déjà-vu als neurologischer Vorgang

Eine weitere These sagt, dass das Déjà-vu-Gefühl von einem neurochemischen Vorgang im Gehirn ausgelöst wird. Eine Art Fehlschaltung. Die grauen Zellen ordnen den aktuellen Sinneseindrücken eine alte Erinnerung zu. Schon erkennen wir sie – fälschlicherweise – als etwas wieder, was wir bereits erlebt haben.

Die Hypothese stützt sich auf Erzählungen von Epileptikern, die häufig Déjà-vus erleben. Tatsächlich ist bei einem epileptischen Anfall dieselbe Hirnregion betroffen (Hippocampus oder Amygdala), die für das Gefühl des Wiedererkennens zuständig ist.


Déjà-vu als Vorahnung

Wer eher spirituell oder esoterisch veranlagt ist, denkt häufig, das Déjà-vu sei ein Zeichen. Vielleicht von Geistern der Verstorbenen. Oder eine kosmische Warnung vor einem schrecklichen Unglück.

In der Regel ist das unseriöser Hokuspokus.

Einzig zulässig ist nach Ansicht von Experten das Vorgehen wie bei der Traumdeutung: Wahrnehmungen werden auf Hintergründe aktuelle Probleme des Unterbewussten untersucht, um eine plausible Erklärung zu finden, was uns gerade wirklich beschäftigt. In die Kategorie „Spiritualität“ gehört übrigens auch die Deutung, ein Déjà-vu entstehe, weil man schon mal gelebt hat. Das Déjà-vu sei damit ein Erlebnis aus einem früheren Leben.

Wissenschaftlich ist diese Erklärung nicht haltbar!


Déjà-vu als Wunschdenken

Viele Sinnestäuschungen und Déjà-vus lassen sich als Wahrnehmungsfehler erklären.

Wie auch der sogenannte Confirmation Bias . Kurz: Wir filtern Informationen auf Basis unserer Erwartungen. Statt uns objektiv zu informieren, suchen wir nach Informationen, die unsere Meinung bestätigen. So ist denn auch beim Déjà-vu der Wunsch häufig Vater des Gedankens. Zudem kann hinter der Vorstellung, mit Geistern oder Engeln kommunizieren zu können, latenter Geltungsdrang stecken. Der Wunsch, etwas Besonderes zu sein.

 

Déjà-vu als Schutzmechanismus

Manche Déjà-vus kreieren wir geradezu selbst. Gerade wenn sich tiefgreifende Wandel im Leben ankündigen – etwa ein Jobwechsel, eine kriselnde Partnerschaft – neigen manche Menschen dazu, in alte Muster und Gewohnheiten zu fallen. Diese geben ihnen Sicherheit. Das Déjà-vu-Erlebnis wäre damit ein Schutzmechanismus der Seele, der uns in unserem Handeln bestätigen soll.


Optical Delay Theory (inzwischen widerlegt!)

Die Optical Delay Theory (Optische Verzögerungstheorie) wiederum besagt, dass wir Informationen zuerst über das eine (meist rechte) Auge aufnehmen und sie ins Gehirn weiterleiten, bevor sie über das andere Auge erneut aufgenommen und weitergeleitet wird. Die Verzögerung soll Ursache dafür sein, dass wir eine Sache „zweimal sehen“ und daraus schlussfolgern, wir müssten sie schon kennen.

Diese Theorie hat sich allerdings als falsch erwiesen, denn blinde Menschen berichten ebenfalls von Déjà-vus.

 

Déjà-vu im Film

Weil Déjà-vus so faszinierend und populär sind, hat sie längst auch die Filmindustrie als Motiv aufgegriffen.

Zum Beispiel im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Dort erlebt der Zuschauer zusammen mit dem Protagonisten, einem zynischen Wettermoderator ein reales Déjà-vu. Der sitzt in einer Zeitschleife fest und erlebt denselben Tag immer wieder. Solange, bis er beginnt, Einstellung und Verhalten zu ändern.

Beim gleichnamigen Film „Déjà-vu“ mit Denzel Washington in der Hauptrolle ist es wiederum mithilfe einer Art Zeitmaschine möglich einen terroristischen Anschlag zu vereiteln.


Ein Déjà-vu geht meist genauso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist. Nach ein paar Sekunden verpuffen Verblüffung und Aha-Erlebnis – und wir realisieren: Alles nur ein kleiner Spuk im Gehirn.


Zugegeben, jedes Déjà-vu umweht der Hauch des Übersinnlichen. Etwas Geheimnisvolles, das uns einen kleinen Schauer über den Rücken jagt. So mancher fragt sich deshalb: Ist das überhaupt normal? Oder muss ich mir Sorgen machen und möglicherweise sogar einen Arzt aufsuchen?

 

Kein Grund zur Sorge! Alles ganz normal. Vor allem in jungen Jahren treten Déjà-vus und Erinnerungsfehler vermehrt auf, haben Wissenschaftler herausgefunden. Sie sind eine Art Überprüfungsmechanismus unserer Erinnerung – ausgelöst durch erhöhte Dopaminzufuhr. Die nimmt im Alter ab – und damit auch die Déjà-vus.

Quelle: lernen.net, karrierebibel.de


Vielen dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Wenn ich im Text die maskuline Schreibweise benutzt habe, dann ausschließlich für die bessere Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter. 


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